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Position: aktuelles

Diskussion um die Legalisierung aktiver Sterbehilfe

Ende Januar forderte Dick Marty, ein liberaler Abgeordneter der Schweiz die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in Europa. Immer und immer wieder werden Forderungen - nicht nur in der Schweiz - laut, aktive Sterbehilfe wie in den Niederlanden zu erlauben.

Die Deutsche Hospiz Stiftung weist darauf hin, dass es strikte Grenzen zwischen passiver und illegaler aktiver Sterbehilfe gibt. Passive Sterbehilfe ist legal und damit straffrei. Dazu zählt zum Beispiel das Abschalten von Beatmungsgeräten. Strafbar ist jedoch die aktive Sterbehilfe, beispielsweise durch Verabreichen von Medikamenten. die (in entsprechender Dosis) zum Tode führen.

Unter dem Deckmantel, unerträgliches Leid und Schmerzen zu verhindern, wird gefordert „humanes“ Sterben zu ermöglichen und auch denjenigen zum Tod zu „verhelfen“, die ihr Leben nicht mehr aus eigener Kraft beenden können. Niemand wünscht sich einen Tod, der von unerträglichen Schmerzen begleitet wird. Niemand wird es sich wünschen, an Geräten angeschlossen, künstlich und gegen seinen Willen zum Leben gezwungen zu werden. Und immer wieder gibt es Situationen, in den der Tod gnädiger erscheint als das subjektiv unerträglich empfundene Leben. Doch kann das die Rechtfertigung dafür sein, die aktive Sterbehilfe zu legalisieren?

Wer möchte nicht frei entscheiden können, weiter zu leben oder aber zu sterben, wenn es keine Hoffnung auf Besserung gibt? Doch ist es wirklich eine freie Entscheidung, wenn die Unerträglichkeit deshalb besteht, dass Schmerz lindernde Medikamente (aus Unwissenheit oder Kostengründen) verweigert werden? Ist es wirklich eine freie Entscheidung sterben zu wollen, wenn die Aussicht auf die letzten Wochen und Monate darin besteht, mit Magensonden und Dauerkathetern versehen, im Bett fixiert und ohne Aussicht, das Zimmer im (Alten-)Heim je wieder verlassen zu können, einsam dahinvegetieren zu müssen? Ist es wirklich eine freie Entscheidung, wenn der Todkranke sich nur noch als Last und Kostenfaktor empfindet, von der er seine Angehörigen befreien will. Ist da der Tod nicht doch eine Erlösung?

Die Antwort mag „ja“ lauten. Doch die Frage ist falsch. Sie muss vielmehr lauten: Wie wird das Sterben erträglich, schmerzfrei und die Würde des Sterbenden wahrend, ermöglicht? Die in der Hospizarbeit Tätigen können unendlich viele Beispiele dafür nennen, wie human Sterben sein kann, wenn die nötigen Medikamente zur Schmerzlinderung verabreicht werden können, wenn vor allem aber menschliche Begleitung die Einsamkeit und Ängste mildern. Was unmöglich erscheint, ist Realität: Auch in Hospizen, den Orten an denen das Sterben zum Leben gehört, wird gelacht.

Viel mehr Menschen fürchten das Sterben mehr als den Tod. Die Forderungen nach Legalisierung aktiver Sterbehilfe würden leiser werden, wenn humane Sterbebegleitung und optimale Palliativmedizin Selbstverständlichkeit wäre und niemand Angst vor qualvollem Leiden haben müsste.

Sterben billiger als Leben

Wer glaubt, die Gewissheit auf schmerzfreies oder zumindest schmerzarmes, menschenwürdiges und nicht einsames Sterben würde den Ruf nach Legalisierung aktiver Sterbehilfe gänzlich zum Verstummen bringen, der irrt. Die lautesten Rufer sind weniger die Todkranken und Sterbenden als vielmehr diejenigen, die sich durch das Sterben anderer – in welcher Form auch immer – belastet fühlen. Natürlich würde niemand zugeben, sich behinderter, alter und kranker Menschen entledigen zu wollen, weil diese Kosten verursachen, sondern stets, um „diese armen Menschen“ von ihrem „unerträglichen Leid“ zu erlösen.

Gleichzeitig schüren Aussagen von Vertretern der Rehaträger (hier tun sich die Landeswohlfahrtsverbände und Landschaftsverbände, sowie Krankenversicherungen unrühmlich hervor) und der Kommunen durch ihre Öffentlichkeitsarbeit mehr oder weniger subtil die Meinung, die Gesellschaft könne sich Behinderung, Alter und Krankheit nicht mehr leisten. Natürlich darf der Blick auf die Kosten nicht tabuisiert werden. Natürlich muss überlegt werden, wie Ressourcen gezielt eingesetzt werden. Doch anstatt diejenigen, die auf Leistungen angewiesen sind, für die Finanzmisere verantwortlich zu machen und zu bestrafen, in dem man ihnen immer mehr Leistungen verweigert und sie finanziell immer mehr belastet, gehören die zur Verfügung stehenden Mittel zunächst dort umgeschichtet, wo sie vergeudet und zweckentfremdet werden.

Das heißt, den Rotstift zunächst bei denen anzusetzen, die Milliarden an Alter, Krankheit und Behinderung verdienen.

Wer behauptet, alte, kranke und behinderte Menschen würden Kosten verursachen, die Gelder für andere Bereiche wie zum Beispiel die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit unbotmäßig binden, kann gewiss sein, dass an Stammtischen wieder überlegt wird, wie man solche Kosten reduzieren kann. Und schon ist das Verständnis dafür geweckt, wenn Politik und Verwaltung Gesetze fordern und schaffen, die als Folge „sozialverträgliches Frühableben“ fördern. Das will natürlich niemand der Verantwortlichen wahrhaben.

Der Wunsch vor allem alter und kranker, aber auch behinderter Menschen zu sterben, beruht (neben den körperlichen Schmerzen) oft auf dem Gefühl, für die Angehörigen eine finanzielle Last darzustellen, werden diese doch häufig z.B. zur Bestreitung der Kosten für Pflegeheime zugezogen.

Die so genannte Gesundheitsreform wird das ihrige dazu tun, kranke und alte, aber auch behinderte Menschen noch weiter auf ein Dasein als Kostenfaktoren zu reduzieren. Schon wenige Wochen nach Inkrafttreten wissen viele Menschen nicht mehr, wie sie die gestiegenen Kosten finanzieren sollen. Die Frage „verhungern oder an den Folgen von Krankheiten und Behinderungen sterben, weil das medizinisch Notwendige nicht mehr bezahlt werden kann", ist keine Polemik, sondern bittere Realität.

Und sie werden wieder lauter werden, die Rufe nach Legalisierung aktiver Sterbehilfe. Angehörige, die alte Menschen zu Hause pflegen und deren kleine Renten zum Lebensunterhalt mitverbrauchen müssen, weil sie wegen der Pflege nicht berufstätig sein können, werden künftig noch weniger finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der ohnehin schrumpfenden Renten muss wegen der „Gesundheitsreform“ für die Finanzierung der Medikamente, Hilfs- und Heilmittel aufgebracht werden.

Wenn das Taschengeld der Heimbewohnerinnen und Bewohner für diese Kosten nicht ausreicht, bleibt Angehörigen aus moralischen Gründen ebenfalls nur die Möglichkeit, entweder selbst zuzuschießen, oder die Unterversorgung hinzunehmen. Ist da der Tod nicht gnädiger? Und so schließt sich der Kreis.

Jede und jeder kann sich fragen, ob die Verantwortlichen, egal ob in Politik und Verwaltung so etwas wollen oder zumindest billigen. Jede und jeder muss sich fragen, ob wir noch in einer Gesellschaft leben, die sich unter solchen Bedingungen noch als humanitär bezeichnen kann. Jede und jeder wird sich weiterhin fragen müssen, welchen Stellenwert Ethik und Moral in unserer Gesellschaft noch haben (dürfen), wie lange wir noch imperfekte Menschen sein dürfen, die sich als Teil einer Solidargemeinschaft fühlen können.

Elke Bartz

Februar 2004



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