Die Königstochter – ein modernes Märchen
von Dr. Klaus Mück, Karlsruhe im November 2007
Es war einmal in einem fernen Land, in dem man sich von Generation zu Generation Geschichten
erzählte. Jeder erzählte, egal ob jung oder alt, ob klein oder groß. Und jeder hörte zu, manch einer
lauschte sogar gebannt den Worten des Erzählers, fieberte mit und vergaß dabei, was um ihn
herum geschah. Es waren Geschichten von Menschen und ihren Schicksalen, von aktuellen oder
vergangenen Ereignissen sowie von lustigen oder auch traurigen Begebenheiten. Es wurden viele
Geschichten erzählt und es kamen mit jedem Tag und mit jedem Erzählen immer mehr
Geschichten hinzu. Doch eine Geschichte wurde besonders häufig erzählt, es war die Geschichte
von der Königstochter.
Die Königstochter war eine schöne Frau mit langen braunen Haaren, warmen braunen Augen und
das Wichtigste, sie hatte ein großes Herz. Sie war beliebt beim Volk und manch ein Jüngling hatte
es sich sehr gewünscht, das Herz dieser Frau zu erobern. Sie galt als unnahbar, doch im Grunde
war sie es nicht. Sie wünschte sich einen Menschen an ihrer Seite, mit dem sie sich austauschen
konnte, der ihre Gedanken teilte, ihr zuhören konnte und der das gewisse Etwas hatte. Sie war
umworben, das wusste sie. Sie genoss es manchmal, doch oftmals waren ihr das forsche Auftreten
und das „männliche Gehabe“ einfach nur zuwider und lästig. Sie empfand es für sich als
bereichernder, die großen und kleinen Sorgen der einfachen Leute zu teilen, mit Hand anzulegen,
wo es vonnöten war. Zugegeben, als Königstochter war für sie Manches leichter, sie hatte keine
finanziellen Sorgen, ihre Zukunft war gesichert. Doch auch Königstöchter haben ihre Sorgen –
große und kleine. Würde sie eine gute Königin sein? Würde sie einen Thronfolger auf die Welt
bringen? Würde sie trotz der Bürde des bevorstehenden Amtes auch eine gute Mutter sein? Und
wie jede andere Frau kamen auch Gedanken, ob sie gut aussehe (sie sah gut aus!), ob das Kleid
passend ist (sie hatte immer einen ausgezeichneten Geschmack!), oder ob die Waage wirklich
immer die Wahrheit sagen muss …Und ganz tief in ihrem Innern liebte sie einen Mann, den sie
aber noch nicht kennengelernt hatte. Es musste ihn geben, irgendwo gab es ihn – doch wo war er
bloß?
„Wo ist sie bloß?“ fragte er sich immer wieder. So sehr er sich bemühte, sie zu finden, sie fand
sich einfach nicht. Ob seine Ansprüche zu hoch waren? Vielleicht, aber es musste doch passen!
Kompromisse musste er schon immer eingehen, aber in einer Partnerschaft – so hatte er
schmerzlich lernen müssen – sind Kompromisse nicht immer der richtige Weg. So suchte und
suchte er, aber je mehr er suchte, desto weniger Erfolg hatte er. Er galt als attraktiv, fleißig und
arbeitete als hoch qualifizierte Kraft. Er war in seinem Dorf Ettnogon bekannt und beliebt.
Allerdings hatte es in seinem Leben ein einschneidendes Ereignis gegeben. Als Jugendlicher und
begeisterter Schwimmer hatte er einen schweren Unfall, der ein Leben im Rollstuhl nach sich zog.
Seine Familie unterstützte ihn, wo es nur ging, ohne ihm jedoch seine Selbstständigkeit zu
nehmen. So konnte er die Schule besuchen, studieren und schließlich sein Einkommen selbst
erarbeiten. Seine körperlichen Einschränkungen waren jedoch so groß, dass er Tag und Nacht
Assistenten brauchte, die ihm in seinem Alltag und bei seiner Arbeit halfen. Diese Assistenten
mussten bezahlt werden und da es ein fortschrittliches Land war, gab es auch ein Gesetz, das es
ihm ermöglichte, diese Assistenz zu finanzieren. Dafür musste er jedoch auf Vermögen
verzichten, durfte nichts ansparen und sein monatliches Einkommen wurde bis auf einen kleinen
Teil herangezogen. Er konnte keine Sicherheit aufbauen, keine großen Anschaffungen tätigen,
keine größeren finanziellen Wünsche erfüllen ohne die Diener des Königs um Erlaubnis zu bitten,
trotz eines angefüllten Arbeitstages und überdurchschnittlichem Einkommen als Früchte seiner
harten Arbeit. Er akzeptierte dies als Preis für seine Selbstständigkeit – auch wenn es nicht immer
leicht fiel. So lange er alleine war, machte er sich keine oder nur wenige Gedanken, wie eine Frau
diese Seite seiner Behinderung sehen würde bzw. wie das Gesetz dies sehen würde. Allmählich
stellte er fest, dass eine Frau an seiner Seite denselben finanziellen Einschränkungen unterworfen
sein würde und das auch nur, weil sie mit ihm ein Leben führen wollte. Ein Leben wie es jeder
andere sonst auch führen möchte. Das war eine Lücke im Gesetz, so empfand er es zumindest:
schließlich kann doch der, der arbeitet, nicht genauso behandelt werden wie der, der nicht arbeitet.
Und einzige Ursache war ein einziger unachtsamer Moment im jugendlichen Alter, der seine
Behinderung zur Folge hatte. So wie er dachten viele, die in seiner Situation waren. Aber es
waren zu wenige, um sich Gehör zu verschaffen. Außerdem mussten sie sich auch um ihre Arbeit
kümmern, sodass nur wenig Zeit war, auf diese Situation aufmerksam zu machen. Dennoch gab es
welche, die trotz ihrer Behinderung einen lieben Menschen gefunden hatten und eine Beziehung
führten. Aber entweder mussten sie es im Geheimen tun,
um ihre Partnerin nicht in Gefahr zu
bringen, finanziell ruiniert zu werden, oder ihre Partnerin hatte eh keine finanzielle Mitgift und
nur ein geringes oder gar kein Einkommen. Trotzdem empfand er sein Leben als kostbar, sehnte
sich nach einer erfüllten Partnerschaft und irgendwie, ja, irgendwie würde es gehen. Er glaubte
fest daran.
Die Königstochter hatte es sich zur Pflicht gemacht, auch in die entlegendsten Gegenden ihres
Landes zu reisen und sich das Leben der einfachen Leute anzuschauen. Sie hatte oft das Gefühl,
dass die Diener ihres Vaters ihr nicht immer die richtige Sichtweise vermitteln konnten, weshalb
sie sich selbst ein Bild machen wollte. So lange sie es als Königstochter noch machen konnte,
hatte sie die Möglichkeit, sich oftmals unerkannt unter das Volk zu mischen und die
ungeschminkte Wahrheit zu hören. Die Diener und Berater hatten oft gesagt, der König sei zu
gutmütig und seine geplanten Vorhaben gerade in Bezug auf soziale Wünsche seien oft viel zu
teuer. Die Königstochter war aber der Meinung, dass diese Sichtweise nicht immer richtig ist.
Irgendwie spürte sie, dass es noch mehr Möglichkeiten als ganz oder gar nicht geben müsse.
Nun ergab es sich, dass sie auf der Rückreise nach Karolsberg zum Schloss ihres Vaters eine
Herberge aufsuchen musste und in Ettnogon abseits der großen Reiseroute eine schöne Herberge
fand. Das erste, das ihr auffiel, war, dass es in der Herberge keine Schwellen gab, wie es sonst in
ihrem Schloss an vielen Stellen der Fall war. Da sie eher ärmlich gekleidet war, erkannte sie der
Herbergsvater nicht und gab ihr auch nur ein einfaches Zimmer, da er sich nicht sicher war, ob sie
die Zeche denn auch bezahlen konnte. Das letzte, das er jetzt gebrauchen konnte, war wieder ein
Gast, der die Zeche prellte. Aber als sie ihn im Voraus bezahlte, waren seine Befürchtungen aus
der Welt und er lud sie zu einem Abendessen im Gasthaus ein. Hungrig und müde von der Reise
setzte sie sich an den Tisch und erst als ihre Lebensgeister beim Essen wieder zurückkamen, nahm
sie so nach und nach die anderen Gäste wahr. Am vordersten Tisch saß ein älteres Ehepaar ins
Gespräch vertieft und offensichtlich glücklich miteinander, in der hinteren Ecke konnten das nur
Studenten sein und in der Mitte tagte der Stammtisch. Es ging dort lebhaft zu und man diskutierte
u.a. auch die derzeitige politische Lage. Zunächst fiel es ihr nicht auf, aber am Stammtisch war
eine Lücke, an dem auch kein Stuhl stand. Sie machte sich keine großen Gedanken darüber, aber
als die Türe aufging und ein Rollstuhlfahrer hineingeschoben wurde, war klar, für wen die Lücke
freigehalten wurde. Als er schließlich den Kopf drehte und sie kurz mitten in die Augen sah,
wusste sie: Er ist es!
An dieser Stelle erzählen sich die Leute viele Varianten der Geschichte von der Königstochter.
Wir wollen hier jedoch nur festhalten, dass sie sich näher kamen, kennen und lieben lernten und
sich zu einem gemeinsamen Leben entschlossen. Ach ja, sie kamen sich näher, ohne dass er
wusste, dass es die Königstochter war. Er machte sich deshalb Sorgen, wie er es mit dem Gesetz
zur Finanzierung seiner Assistenz halten sollte. Er wollte nicht im Geheimen mit ihr leben, er
wollte, dass alle sehen, wie glücklich er ist und er wollte eine Familie gründen. Deshalb setzte er
alle Hebel in Bewegung, um seine Partnerin vor dem finanziellen Ruin zu bewahren und
kontaktierte die Diener und Berater des Königs. Die winkten aber ab und sagten immer nur, wenn
dann alle kommen, dann wird das viel zu teuer. So hatten beide eine ganze Zeit ein Geheimnis
voreinander, er das Problem mit der Finanzierung seiner Assistenz und sie, dass sie die
Königstochter war. Irgendwann erzählte er ihr betrübt davon und stellte ihr frei, ihn zu verlassen.
Sie schaute ihn nur groß an, versicherte ihm, dass sie das nie machen würde, weil sie ihn von
Herzen liebte. Dann war es an ihr, ihm ihr Geheimnis anzuvertrauen. Er tat sich schwer, seine
Assistenz nicht aus eigener Kraft finanzieren zu können und nur deshalb unabhängig zu sein, weil
sie die Königstochter war. All den anderen in einer ähnlichen Situation sollte doch das gleiche
Glück nicht vorenthalten werden. Als sie ihm jedoch versprach, diesen allgemeinen Missstand mit
ihrem Vater zu besprechen, schwanden seine Bedenken und so lebten sie glücklich miteinander in
ihrem Schloss. Der König ließ seine Berater kommen und befragte sie, wie diese Situation in
anderen Ländern geregelt sei. Widerwillig erzählten sie ihm, dass es da wohl etwas gäbe, das "nicht ganz
schlecht" sei. Schließlich erließ der König mit seinem viel gerühmten Weitblick ein
Leistungsgesetz, das die Assistenz unabhängig von Einkommen und Vermögen ermöglichte. Bald
darauf entschlossen sich viele Betroffene, mehr zu arbeiten und Familien zu gründen, sodass die
Steuereinnahmen aus diesem Personenkreis wuchsen und die Assistenzkosten sanken.
Übrigens, dass das Schloss umfangreichen Bauänderungen unterzogen werden musste, erzählt
man sich inanderen Geschichten. Hin und wieder muss jetzt auch einmal einer der Berater als
Assistent dienen und hat inzwischen einen ganz anderen Einblick in die Materie.
Und die Moral von der Geschicht’? Gibt es diese Königstochter oder nicht? Ich weiß es nicht,
aber es wird viel von ihr erzählt. Nicht in Form einer Königstochter, sondern als
Millionärstochter, die sich eines behinderten Menschen erbarmt, seiner annimmt und kurzerhand
die Kosten seiner Assistenz übernimmt und so ein glückliches von den Fängen der
Eingliederungshilfe unabhängiges Leben ermöglicht. Ich jedenfalls habe diese Millionärstochter,
die mein Leben mit vielen Einschränkungen aus reiner Liebe teilt und bereitwillig die
Assistenzkosten trägt, noch nicht kennengelernt. Ja, es gibt sie, die Frauen, die gerne aus Liebe
die Einschränkungen mittragen, die das Leben mit Behinderung und Assistenzbedarf mit sich
bringt. Aber sind das alles Millionärstöchter? Ich jedenfalls kenne keine der oft ins Feld geführten
Millionärstöchter. Dafür aber Frauen, die mich als Menschen annehmen, ganz normal arbeiten
gehen, ein normales Einkommen erarbeiten und wie jeder andere Mensch auch als Sicherheit
etwas auf die hohe Kante legen. Die derzeitigen Gesetze aber bestrafen diese Frauen für ihre
Liebe: Sie müssen ihr Einkommen zur Pflege ihres geliebten Partners anrechnen lassen und viel
schlimmer, alles, was sie sich jemals an „Vermögen“ erarbeitet haben, alles, was sie sich zurück
gelegt haben, all das wird für die Pflege ihres Partners verwendet. Und das obwohl diese Frauen
und ihr behinderter Partner arbeiten, Steuern und Abgaben abführen und darüber die Netto-Kosten
der Assistenz bereits bei weitem abgedeckt sind. So werden diese Frauen bestraft, obwohl die
Assistenzkosten durch ihre aktive Mithilfe gesenkt werden.
Und die Moral von der Geschicht’? Viele dieser Frauen ziehen sich zurück, wenn sie in letzter
Konsequenz diese Härte erfahren. Die Einschränkungen, die sie durch die Behinderung ihres
Partners auch für ihr Leben in Kauf genommen hätten, hätten sie aus Liebe getragen - aber ihren
finanziellen Ruin dafür noch zusätzlich in Kauf zu nehmen, das ist verständlicherweise für die
Meisten zu viel. Darüber hinaus ist es für mich ein unerträglicher Gedanke, meine
Assistenzkosten durch meine (mögliche?) Frau tragen zu lassen – ob Millionärstochter oder nicht.
Und so bleiben die Assistenzkosten unverändert hoch, der attraktive, qualifizierte und arbeitende
behinderte Mensch alleine und der Staat hat nichts gewonnen, sondern eher verloren. Alle haben
dadurch verloren.
Und wie sähe die win-win-Situation aus? Einkommen und Vermögen zumindest der Partnerin
bleiben unberührt. So würde es möglich werden, eine Familie auf tragfähiger Basis zu gründen
und die Assistenzkosten würden sich verringern, schließlich braucht man für die Zweisamkeit
nicht einen Dritten, wir jedenfalls nicht. Jetzt hätten alle gewonnen – mehrfach.
Und das muss die Moral von der Geschicht’ sein.