Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
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Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Weihnachten 2004

Es wird einmal sein…

Von Elke Bartz (†)

Weihnachtsbaum im SchneeEs ist der Heilige Abend. Der Heilige Abend im Jahre 2030. Eine dünne Schneedecke überzuckert Gärten, Häuser und Straßen. Viel hat es nicht geschneit. Doch alle freuen sich, dass es überhaupt etwas weiß ist, denn die Winter sind nicht mehr so kalt, wie noch vor ein paar Jahren. Weiße Weihnachten gibt es immer seltener.

Weihnachtsbaum im SchneeEs ist schon dunkel und die Kirchenglocken laden läutend zum Besuch des Gottesdienstes ein. Viele Menschen folgen der Einladung. Da kommt gerade eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Sie strebt auf den hell erleuchteten und festlich geschmückten Eingang der Kirche zu. Ein paar Meter weiter hält ein Linienbus an. Eine automatische Rampe klappt aus und ein kleiner Junge im Elektrorollstuhl fährt heraus. Er wird von seinen Eltern, seiner Oma und seiner großen Schwester begleitet.

Weihnachtsbaum im SchneeSchon in der Kirche angekommen, suchen sich eine gehörlose Frau und ihr hörender Mann einen guten Platz, damit die Frau nachher die Gebärdensprachdolmetscherin gut sehen und dem Gottesdienst folgen kann. Etwas am Rande hat sich ein blinder Mann postiert. Er möchte nicht mitten auf der Bank sitzen, weil sein Führhund sonst nicht genügend Platz findet. Um ihn herum ist es unruhig, denn die Kinder können kaum erwarten, dass es losgeht. Sie freuen sich schon auf das angekündigte Krippenspiel. Unter ihnen ist ein kleines Mädchen mit Down-Syndrom, das zum ersten Mal mitspielen darf und vor Aufregung hin und her hüpft. Seine Mutter zupft sein Kostüm noch etwas zurecht.

Weihnachtsbaum im SchneeDie Kirche ist nun bis zum letzten Platz gefüllt. Es herrscht eine feierliche Stimmung. Der Gottesdienst beginnt. Nach dem Krippenspiel, einigen Gebeten und Liedern ist es Zeit für die Predigt. Der Pfarrer steigt auf die Kanzel und beginnt:

Weihnachtsbaum im Schnee"Liebe Gemeinde, heute möchte ich euch eine etwas andere Botschaft überbringen als sonst am Heiligen Abend üblich. Wenn ich mich umschaue, sehe ich junge und alte Menschen, behinderte und nicht behinderte. Was die ganz jungen unter euch nicht mehr wissen, möchte ich heute berichten. Es ist nämlich noch nicht lange möglich, dass Jung und Alt, Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam den Heiligen Abend in unserer Kirche feiern können. Wie es gekommen ist, dass dies heute ganz normal ist, möchte ich euch nun erzählen:

Weihnachtsbaum im SchneeSchauen wir in das Jahr 2006. Viele behinderte und alte Menschen leben in Heimen, andere alleine oder mit ihren Familien in eigenen Wohnungen, manche auch in Betreutem Wohnen. Einige von ihnen brauchen Hilfe zur Pflege, zur Haushaltsführung, bei der Arbeit und bei der Freizeitgestaltung. Das kostet Geld. Da die wenigsten dieser Menschen genügend Geld haben, um die Hilfen selbst bezahlen zu können, brauchen sie die Unterstützung durch die Sozialämter. Diese sehen die Hilfeleistungen jedoch nicht als Nachteilsausgleiche, sondern als Fürsorgegaben, für die die betroffenen Menschen dankbar zu sein haben. Und darum wollen sie - also die Sozialhilfeträger und damit die Kommunen - nur die billigsten Hilfeleistungen bezahlen. ‚Die Kassen der öffentlichen Haushalte sind leer', klagen sie. ‚Alle müssen Kürzungen hinnehmen. Da geht es nicht, dass behinderte und alte Menschen selbst bestimmen, wo und wie sie leben wollen. Wer auf unsere Kosten lebt, muss sich nun mal einschränken".

Weihnachtsbaum im SchneeUnd während sie so laut jammern, kommen die verantwortlichen Landespolitiker, ihnen voran die aus den südlichen Bundesländern, auf eine Idee, die Kosten sparen soll: Wir bauen einfach ein paar große Reservate, die komplett barrierefrei sind. Da wohnen dann alle Alten und Behinderten. Da kommen Arztpraxen, Krankenhäuser, Theater, Geschäfte und alles, was sonst so gebraucht wird, hin. Und die Hilfen bekommen sie dann von Servicezentren. Alle, die Barrierefreiheit einfordern oder von uns Hilfe bezahlt haben wollen, werden dort leben. Als Gleiche unter Gleichen werden sie sich sehr wohl fühlen.

Weihnachtsbaum im SchneeAußerdem können wir viel Geld sparen, denn wenn alle Alten und Behinderten in diesen Reservaten wohnen, müssen wir unsere anderen Städte nicht mehr barrierefrei planen, keine zugänglichen öffentlichen Verkehrsmittel anschaffen, keine Automaten behindertengerecht gestalten usw. Die Angehörigen bekommen kostenlose Freifahrten, damit sie ihre alten und behinderten Familienmitglieder besuchen können und so auch zufrieden sind.

Weihnachtsbaum im SchneeDie Proteste der behinderten und alten Menschen und ihrer Angehörigen, die zusammen leben wollen, verhallen ungehört. Ihnen wird erzählt, dass die alten und behinderten Menschen sich fügen und in die neuen Reservate müssen. Sonst sind sie Schuld, wenn die Kommunen pleite gehen, die Arbeitslosenzahlen steigen und eine Hungersnot ausbricht.

Weihnachtsbaum im SchneeUnd so setzen sie ihre Pläne um. Was mit der Einführung der Mautgebühren auf den Autobahnen nicht geklappt hat, funktioniert beim Bau der barrierefreien Reservate hervorragend. Schon nach vier Jahren, also im Jahr 2010, ziehen die ersten alten und behinderten Menschen in die eigens für sie gebauten Orte um.

Weihnachtsbaum im SchneeEs gibt Arztpraxen, Geschäfte, Kinos, Theater usw., die alle barrierefrei ausgestattet sind. Für blinde und schlecht sehende Menschen gibt es akustische, für gehörlose und schwerhörige optische Hilfen. Menschen mit Lernschwierigkeiten finden überall Informationen in leichter Sprache. Pflegebedürftige haben Pflegestützpunkte in ihrer unmittelbaren Nähe. Es ist alles vorhanden, was behinderte Menschen immer gefordert haben.

Weihnachtsbaum im SchneeNur eines fehlt: Das ganz normale Zusammenleben mit Nichtbehinderten. Die kommen nur zum Arbeiten als Ärzte, Therapeuten, Pfleger, Geschäftsleute, als Verwaltungsmitarbeiter oder aber als Besucher in die Reservate. Nur noch wenige alte und behinderte Menschen leben außerhalb dieser Orte. Die werden von ihren Angehörigen versorgt, so dass keine Kosten entstehen. Diejenigen, die noch die Kraft haben sich gegen die Isolation zu wehren, die auf keinen Fall in die Reservate ziehen wollen, sehen sich mit immer neu entstehenden Barrieren gegenüber. Denn die Kommunen müssen nicht mehr barrierefrei bauen, die Verkehrsbetriebe keine barrierefreien Verkehrsmittel mehr anschaffen, die Arbeitgeber keine behinderten Mitarbeiter mehr beschäftigen (die sollen in ihren Reservaten arbeiten!)… Diejenigen, die diese Reservate geplant und gebaut haben, klopfen sich auf die Schultern und freuen sich über ihre geniale Idee, Geld sparen zu können".

Weihnachtsbaum im SchneeHier macht der Pfarrer eine kurze Pause. Die Kirchenbesucher schweigen betroffen. Die älteren unter ihnen erinnern sich mit Erschaudern an das, was sie längst verdrängt hatten. Die Jüngeren können kaum verstehen, dass sie nicht eine schreckliche Geschichte, sondern die reale Vergangenheit erzählt bekommen.

Weihnachtsbaum im SchneeNach einer kurzen Pause fährt der Pfarrer fort: "So gehen ein paar Jahre ins Land. Wir zählen nun das Jahr 2014. Es ist kurz vor Weihnachten. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen vor dem Jahresende noch einmal zu einer Tagung in München zusammenkommen. Anschließend wollen sie sich alle gemeinsam mit ihren Familien zu einer Weihnachtsfeier treffen. Während die Ministerpräsidenten tagen, gibt es ein Programm für deren schon fast erwachsenen Kinder. Mit einem Kleinbus soll es in die Berge zum Ski fahren gehen.

Weihnachtsbaum im SchneeAuf dem Weg dorthin geschieht das Unfassbare. Auf schneeglatter Fahrbahn gerät der Bus ins Schleudern und stürzt eine Böschung hinab. Die schnell herbei geeilten Retter können glücklicherweise alle Passagiere lebend retten. Doch einige sind schwer verletzt.

Weihnachtsbaum im SchneeIm Krankenhaus stellt sich heraus, dass der 19-jährige Sohn eines Ministerpräsidenten ab dem fünften Halswirbel querschnittgelähmt bleiben wird. Eine 21-jährige Tochter einer Ministerpräsidentin wurde durch Glassplitter so schwer an den Augen verletzt, dass sie blind bleiben wird. Die anderen tragen Verletzungen davon, die mit der Zeit verheilen.

Weihnachtsbaum im SchneeDie beiden nun behinderten Kinder der Ministerpräsidenten erhalten die bestmögliche medizinische Rehabilitation und alle notwendigen technischen Hilfen. Sie wollen jedoch nicht in die für Behinderte bestimmten Reservate ziehen. Vielmehr wollen sie ihr Studium ganz normal an der Universität fortsetzen und später mitten in der Gemeinschaft leben und arbeiten. Doch das ist in Deutschland nicht mehr möglich. Es gibt keine barrierefreie Universität mehr, die auf die speziellen Bedürfnisse behinderter Menschen eingerichtet ist. Und wer wie der querschnittgelähmte junge Mann auf personelle Hilfen angewiesen ist, muss qua Gesetz ohnehin in das Reservat ziehen. Nur dort steht bezahlte Hilfe zur Verfügung. - Nicht nur einmal fragen die Beiden ihre Eltern, wer solche Gesetze, die ihnen ein ganz normales Leben mit Behinderung unmöglich machen, beschlossen hat.

Weihnachtsbaum im SchneeDa sie nicht länger in Deutschland bleiben wollen, entschließen sich die beiden Studierenden, ihre Heimat zu verlassen und nach Amerika zu ziehen. Die englische Sprache beherrschen sie; und sie wissen, dass sie in Amerika barrierefreie Städte mit barrierefreien Universitäten vorfinden. Und die Assistenz lässt sich ebenfalls unproblematisch organisieren.

Weihnachtsbaum im SchneeNun sind Ministerpräsidenten auch nur Menschen, die ihre Kinder lieben und sie möglichst in ihrer Nähe haben wollen. Sie beginnen zu begreifen, dass behinderte nicht nur unter anderen behinderten Menschen leben wollen. Sie beginnen zu verstehen, dass Behinderung kein Ausschlusskriterium sein darf. Sie können plötzlich nachvollziehen, dass Geld nicht das wichtigste im Leben ist, dass es viel wichtiger ist, in einer humanitären, solidarischen Gesellschaft zu leben, in der man sich gegenseitig unterstützt. Da sie die Macht haben beginnen sie, die Gesetze zu ändern. In den geänderten Gesetzen steht, dass nur noch barrierefrei gebaut werden darf, dass alle Menschen mitten in der Gemeinde leben können und dort die notwendigen Hilfen bekommen.

Weihnachtsbaum im SchneeEs dauert noch ein paar Jahre. Doch dann sind die meisten Barrieren beseitigt: Es gibt genügend geeigneten Wohnraum, Arbeitsplätze, die auf die besonderen Bedürfnisse der Einzelnen eingerichtet sind, nur noch integrative Kindergärten und Schulen und entsprechende Freizeitangebote für alle. Hilfsangebote und Assistenz stehen im notwendigen Umfang zur Verfügung und werden als Nachteilsausgleiche gewährt. Niemand wird als minderwertig behandelt, nur weil er auf Hilfen angewiesen ist". Der Pfarrer blickt auf seine immer noch schweigende Gemeinde. Nur einige seufzen leise auf, weil sie froh sind, im Jahr 2030 zu leben, in dem das Miteinander selbstverständlich ist. Mitten in die Betroffenheit hinein platzt die Stimme eines vielleicht zwölfjährigen Mädchens. "Was ist denn aus den beiden Ministerpräsidentenkindern geworden? Dem blinden und dem querschnittgelähmten?" fragt es. "Die leben und arbeiten schon längst wieder in Deutschland. Sie haben ja auch keinen Grund mehr ihrer Heimat fernzubleiben", antwortet der Pfarrer.

 

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