Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
Position: Projekte > 2004 Marsch

Marsch aus den Institutionen
Reißt die Mauern nieder!

Eröffnung der ISL/ForseA-Unterschriftenaktion für ein Heimbaumoratorium in Deutschland am 5. Mai 2006 in Würzburg

Reden von

Aufruf von Barbara Windbergs, Vorstandsfrau des Vereins "WüSL - Selbstbestimmt Leben Würzburg e.V." zur

Foto: Barbara Windbergs mit Alexa Doelle (Gebärdensprachdolmetscherin)Heute ist der 5. Mai - der Europaweite Protesttag behinderter Menschen.

Wie bereits die letzten 10 Jahre möchten wir auch heute diesen Tag nutzen, unserem Protest Ausdruck zu verleihen. Dem Protest gegen die selbstverständliche Aussonderung behinderter Menschen in Sondereinrichtungen, gerne auch als „Heime“ bezeichnet.

Politische Aktionen wie diese sind Mosaiksteine auf dem Weg zu gleichberechtigter Teilhabe behinderter Menschen. Aktionen wie diese haben dazu beigetragen, dass sich in den letzten Jahren positive Veränderungen ergeben haben. Ich erinnere hier z.B. an die Verabschiedung von Gleichstellungsgesetzen auf Bundes- und Landesebene oder die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache als gleichwertige Sprache.

In Deutschland leben acht bis zehn Prozent behinderte und chronisch kranke Menschen. Der demographische Wandel wird die Zahl der auf Hilfe Angewiesenen noch weiter ansteigen lassen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lautet die häufigste Antwort auf die Frage „wohin mit den Behinderten?“ - na ins Heim! Die Körperbehinderten in die Körperbehindertenzentren, die Blinden in die Blindenzentren, die Gehörlosen in die Gehörlosenzentren etc. etc.

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts kategorisiert man behinderte Menschen und schickt sie in scheinbar homogenen Gruppen in das eigens für sie geschaffene Heim. Dazu werden sie aus ihren Familien herausgerissen, aus ihrem Freundeskreis, ihren gewachsenen Strukturen.

Für die Gesellschaft ist es normal, dass die Menschen, die Hilfen brauchen, im Heim zu leben haben. Dort, denkt man, sind sie gut versorgt.

Doch wie sieht das Leben dort aus?

Stellen Sie sich vor, Sie verbringen den Rest Ihres Lebens mit einer Person, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, und mit der Sie nur Geschlecht, Alter und Behinderung gemein haben.

  • Sie haben kaum Platz für private Dinge.
  • Sie haben keinen eigenen Schlüssel, das Personal hat jederzeit Zutritt

  • Sie haben keinen eigenen Kühlschrank mit von Ihnen ausgewählten Lebensmitteln

  • Sie essen von nun an zu festen Zeiten und mit anderen gemeinsam
  • Wollen Sie weggehen, müssen Sie sich abmelden. Brauchen Sie dabei Hilfe, haben Sie in der Regel Pech und bleiben zuhause oder müssen auf den nächsten Gruppenstadtausflug warten
  • Bestimmte Alltagsprozesse spielen eben keine Rolle mehr für Sie, weil das für Sie übernommen wird.
  • Ein Tag gleicht dem anderen.

Doch die Zeiten haben sich geändert, behinderte Menschen möchten nicht länger Objekte der Fürsorge und Bevormundung sein. Sie haben eigene Lebensentwürfe, wie jeder von Ihnen hier.

Foto: Michael Gerr (ISL), Elke Bartz (ForseA), Alexa Doelle (Gebärdensprachdolmetscherin) und Barbara Windbergs (WüSL)Dieses antiquierte Modell der „Behindertenhilfe“, die Institutionalisierung der auf Hilfen Angewiesenen, hat ausgedient! Wir wollen nicht mehr dieses Leben in der Parallel-Welt, die die Menschen in ihrer sozialen Entwicklung behindert, in ihren Möglichkeiten Freundschaften zu schließen, ihre Sexualität zu leben, erfüllt zu leben, Verantwortung zu tragen und selbst Gesellschaft mitzugestalten.

Wir wollen nicht mehr länger hinnehmen, dass die Menschen zu den Hilfen kommen müssen, nämlich in die für sie vorgesehenen Zentren. Die Hilfen sollen zu den Menschen kommen!!!

Seit Jahren propagiert der Gesetzgeber das Prinzip „ambulant vor stationär“. Tatsächlich aber fließen die Gelder der Eingliederungshilfe zu 90 % nach wie vor in die großen Einrichtungen. Ambulante Angebote – soweit überhaupt vorhanden, werden nicht entsprechend gefördert. Dabei ist es möglich mit den nötigen und bedarfsgerechten Hilfen in der selbst gewählten Umgebung zu leben

Es muss Wahlmöglichkeiten geben! Andere Länder wie z.B. Schweden machen es vor: Dort gibt es keine Behindertenheime! Dort gibt es ein Assistenzgesetz, der Bedarf des einzelnen wird ermittelt und die Hilfen gehen ohne Umwege über Wirtschaftsunternehmen direkt zum Menschen.

Eine lebenswerte Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Vielfalt!

Wir wollen mittendrin leben!

Dazu gehört auch die umfassende Barrierefreiheit der Infrastruktur.

Dazu gehören sog. Lebenslaufwohnungen, in denen man in jeder Lebensphase zurechtkommt und die man auch im Alter nicht verlassen muss.

Schluss jetzt mit der Errichtung immer neuer Hindernisse in unseren Städten!

Es ist ein Armutszeugnis für unsere Kommunen, dass man Jahre suchen muss, um eine zugängliche Wohnung zu finden.

Das Know-how und die technischen Möglichkeiten für eine menschengerechte Architektur sind vorhanden. Was jetzt noch fehlt sind der politische Wille zur Veränderung und eine konsequente Umsetzung barrierefreien Bauens.

Die Behinderten sind immer die anderen?

Manchmal entscheiden Sekunden über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen:

  • Sorgen Sie dafür, dass keine Steuergelder mehr in den Neubau aussondernder Einrichtungen fließen und verabschieden Sie ein Heimbau-Moratorium!
  • Fördern Sie die Schaffung bedarfsgerechter ambulanter Strukturen, damit selbstbestimmtes Leben und vollwertige Teilhabe am Leben für alle ermöglicht werden!
  • Fördern Sie die Beratung von Menschen mit Unterstützungsbedarf, die ein selbstbestimmtes Leben in der selbstgewählten Wohnform unterstützt!
  • Setzen Sie sich für die Schaffung barrierefreier Wohnungen und einer barrierefreien Infrastruktur ein!
  • Sorgen Sie mit uns dafür, dass aussondernde Einrichtungen gezielt abgebaut und durch ambulante Angebote in der Gemeinde ersetzt werden.

Wir rufen Sie auf:

Unterstützen Sie uns durch Ihre Unterschrift! Es ist eine lohnende Investition – in Ihre eigene Zukunft, denn alt werden wir alle! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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Rede von Michael Gerr, Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL)

Foto: Michael GerrAussonderungen beenden – Am Gemeinwesen teilhaben

Heute ist wie jedes Jahr der Europäische Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen. Es ist immer noch notwendig zu protestieren, auch wenn in den letzten Jahren einige Verbesserungen erreicht werden konnten. Wir haben inzwischen Gleichstellungsgesetze auf der Bundesebene und in den Ländern, so auch in Bayern. An mancher Stelle beginnen die Gesetze zu wirken, vielfach hapert es aber an der Umsetzung.

Die grundlegende Situation von behinderten Menschen ist immer noch von einem Denken und von Strukturen bestimmt, die uns ausgrenzen. Die Systeme der Aussonderung begleiten uns das ganze Leben lang und dies betrifft nicht nur Menschen mit einer Behinderung, sondern es betrifft uns alle. Hierzu möchte ich einige Ausführungen machen.

Aussonderung und Auslese beginnt bereits am Lebensanfang

Die vorgeburtlichen medizinischen Untersuchungen wurden in den letzten Jahren immer mehr ausgeweitet. Die Pränataldiagnostik hat praktisch keinen therapeutischen Wert, da die Möglichkeiten hier sehr eingeschränkt sind. Ihr Hauptzweck ist es, Krankheiten und Behinderungen zu erkennen, um eine Entscheidung zur Abtreibung behinderter Föten möglich zu machen. Die ungesetzliche Abtreibung wird bei der Indikation Behinderung bis zum 10. Monat geduldet.

Aussonderung geht weiter in Kindergarten und Schule

Wenn ein behindertes Kind der Auslese, sprich der vorgeburtlichen Tötung entgangen ist, erhält es fortan eine Sonderbehandlung. Es wird viele Stunden seiner Lebenszeit in Arztpraxen und Krankenhäusern verbringen. Auch wenn es inzwischen mehr integrative Kindergärten gibt, spätestens in der Schule werden rund 90 Prozent der behinderten Kinder ausgesondert. Die so genannten Förderschulen sind nichts anderes als Institutionen der Aussonderung. Sie führen dazu, dass „normale“ Kinder kaum Kontakte zu behinderten Kindern bekommen und den behinderten Kindern in einem Schutzraum das Leben „draußen“ vorenthalten wird.

Aussonderung und Ausgrenzung in der Lebensmitte: Arbeit, Freizeit, Teilhabe

Wenn man das System der Sonderbeschulung hinter sich gebracht hat oder das Glück hatte in einer Regelschule einen Schulabschluss machen zu können, werden die meisten auf vielfältige Hürden treffen und zum Teil wird die Aussonderung nahtlos fortgesetzt: Nämlich in den Werkstätten für Behinderte. Diesen Menschen wird Unterstützung für den Ersten Arbeitsmarkt vorenthalten. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wird erschwert oder unmöglich gemacht, wenn der Eingang Stufen hat, wenn die Toilette nicht groß genug ist, wenn es an einem Leitsystem für blinde Mitbürgerinnen mangelt oder wenn im Fernsehen die Untertitelung fehlt, geschweige denn eine Übersetzung in Gebärdensprache erfolgen würde.

Aussonderung droht auch am Lebensende

Dies ist eine bedrohliche Entwicklung, die wiederum alle betrifft. In Sterbeverfügungen soll nun festgelegt werden, wann eine ärztliche Versorgung eingestellt wird. Damit einher geht leicht eine Abwägung von Kosten und vom Nutzen eines Menschen wie man sie in der Wirtschaft kennt. Doch wie hoch darf der Preis für ein Menschenleben noch sein?

Viele können sich nicht vorstellen, mit einer Krankheit oder Behinderung zu leben. Wenn man dann in der Situation ist, wollen die wenigsten sterben. Vielmehr gilt es, dann das beste daraus zu machen und die Lebensqualität durch bedarfsgerechte Pflege und Unterstützung abzusichern.

Es gilt die Systeme der Aussonderungen, die wir geschaffen haben, wieder abzubauen und stattdessen allen Menschen ein Leben in der Gemeinde zu ermöglichen.

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) fordert deshalb:

  • Es darf bei der Pränataldiagnostik keinen Automatismus geben, dass eine Untersuchung zur nächsten führt. Es gibt ein Recht der Eltern auf Nichtwissen.
  • Die Sonderbeschulung muss langfristig abgeschafft werden. Lernen muss in Einer Schule individuell gefördert werden.
  • Für alte, kranke und behinderte Menschen muss ausreichend, das heißt bedarfsgerecht, Pflege und Unterstützung gewährleistet werden.
  • So genannte Heime müssen abgebaut werden. Zum Leben im Gemeinwesen gehört das Recht, frei zu wählen, wie man wohnen will.

Ich möchte die Forderungen zur Unterschriftenaktion vom Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA e.V.) und der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL), die bereits Barbara Windbergs genannt hat, wiederholen:

Wir fordern die politisch Verantwortlichen im Bund, den Ländern und in den Kommunen auf:

  • Setzen Sie sich dafür ein, dass keine Steuergelder für den Neubau von Heimen verwendet werden und verabschieden Sie ein Heimbau-Moratorium – kein Cent mehr für Aussonderung!
  • Fördern Sie flächendeckend bedarfsgerechte ambulante Strukturen, damit ein selbstbestimmtes Leben und vollwertige Teilhabe am Leben für alle möglich werden.
  • Fördern Sie die Beratung und Unterstützung von Menschen mit Unterstützungsbedarf, die ein selbstbestimmtes Leben in der selbstgewählten Wohnform ermöglichen.
  • Setzen Sie sich für die Schaffung barrierefreier Wohnungen und einer barrierefreien Infrastruktur ein.
  • Sorgen Sie mit uns dafür, dass aussondernde Einrichtungen gezielt abgebaut und durch ambulante Angebote in der Gemeinde ersetzt werden.

Zum Schluss möchte ich noch sagen: In NRW gibt es seit kurzem den Beschluss, keine neuen „Heime“ mehr zu bauen. Man hat sich dort das Ziel gesetzt, nächstes Jahr fünf Prozent der Heimplätze abzubauen. Das wäre doch ein Ziel für alle Bundesländer. Wir brauchen wirklich keine neuen „Heime“ mehr, auch nicht vor den Toren Würzburgs, in Eisingen, wo man schon wieder am planen ist, Heimplätze auszubauen.

Helfen Sie mit Ihrer Unterschrift unsinnige „Heime“ zu verhindern und das Leben in der Gemeinde für alle zu stärken. Dankeschön.

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Rede von Elke Bartz, Vorsitzende des ForseA e.V.

Foto: Alexa Doelle, Elke Bartz und Ulrich Lorey ForseA-Vorsitzende Elke Bartz komplettierte die Reihe der RednerInnen. Sie sprach in freier Rede die Passanten direkt an, indem sie unter anderem meinte, wie schön doch das Wetter an diesem Tag sei. Da nun Freitag wäre, würden sicher viele der Marktbesucher die Wochenendeinkäufe tätigen und sich vielleicht dabei überlegen, ob man wohl am Wochenende einen Ausflug machen, Freunde einladen oder sonst etwas Schönes unternehmen wolle. Andere wiederum säßen gerade jetzt auf den Bänken, würden Eis essen und sich in der nach dem langen Winter endlich wärmenden Sonne freuen. Dies alles könnten Menschen, die in so genannten Heimen leben nicht. Sie müssen warten ob, oder bis wann jemand Zeit hätte, sie nach draußen zu begleiten.

Sie stellte die Frage, ob jemand der Passantinnen und Passanten sich vorstellen könnte, nur wegen einer Behinderung und/oder des Alters plötzlich auf alle Selbstverständlichkeiten des "normalen" Leben verzichten, seine Selbstbestimmung aufgeben und sein soziales Umfeld verlassen zu müssen.

Außerdem forderte sie, dagegen zu protestieren, wenn in der Nachbarschaft wieder ein "Heim" gebaut werden soll. Der Protest solle sich selbstverständlich nicht gegen behinderte oder alte Menschen an sich richten, sondern gegen die unnatürlichen Lebensformen und die Separierung, welche die dort "lebenden" Menschen erfahren müssten. Behinderte und alte Menschen müssen mitten in der Gemeinde leben wie jede/r andere auch. Dann hätten sie ein Gesicht, einen Namen und würden nicht eine unbekannte und deshalb mit Befürchtungen und Argwohn betrachtete Randgruppe darstellen, die sonderbehandlungsbedürftig erscheint.

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