Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
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Marsch aus den Institutionen:
Reißt die Mauern nieder!

BEGEGNUNG
Menschenverachtende Pflege und ein Milliardengeschäft
Buchautor Claus Fussek prangert die „Täter in den eigenen Reihen“ an
Die grauenhafte Allianz des Schweigens durchbrechen

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Coburger Neuen Presse, wir bedanken und herzlich.

VON HEIDI HÖHN
COBURG - Alte und pflegebedürftige Menschen haben keine Lobby. Aber sie haben eine Stimme: Claus Fussek. Der Sozialpädagoge aus München prangert seit Jahrzehnten Missstände in der ambulanten und stationären Pflege an. Scheinbar ohne Erfolg. Denn immer noch, so muss Fussek feststellen, finden in deutschen Pflegeheimen tagtäglich Menschenrechtsverletzungen statt.

Nichts anderes ist es seiner Meinung nach, wenn alte Menschen austrocknen, verhungern, in ihrem eigenen Kot und Urin liegen gelassen werden, wenn sie sich wund liegen und sich ihre Körper an den – oft unbehandelten – Druckgeschwüren langsam vergiften. „Alt und abgeschoben“ ist der Titel von Claus Fusseks neuem Buch, das ein erschreckendes Bild der Pflege in Deutschland aufzeigt. Grundlage sind zehntausende Briefe von frustrierten Pflegekräften oder hilflosen Angehörigen, die schildern, welche grauenvollen Qualen alte Menschen in vielen (aber nicht allen!) Pflegeheimen erleiden müssen. Am Mittwoch stellte Claus Fussek auf Einladung des Vereins Behindertenselbsthilfe Coburg e.V. sein Buch im Kongresshaus vor. Die NP hatte Gelegenheit zu einem Gespräch mit Claus Fussek.

„Ich hätte so gern unrecht!“ Auch wenn Claus Fussek diesen Wunsch fast beschwörerisch mehrmals bei seinem Coburg-Besuch äußert, weiß er, dass es noch lange dauern wird, bis überall die Mindestanforderungen an gute Pflege erfüllt sein werden. Was er im Februar 2002 in Form eines Manifests ausformulierte und heute immer wieder predigt, ist nichts anderes, als eigentlich Selbstverständliches. „Wie wollen wir selbst im Alter leben und gepflegt werden?“ sei die Grundfrage, anhand derer man ganz leicht das Leitbild für die Pflege festmachen könne. „Ich möchte essen und trinken, was mir schmeckt, und zwar in einem Tempo, das meinen Bedürfnissen gerecht wird. Ich möchte auf die Toilette gehen, wenn ich muss. Ich möchte täglich gewaschen werden, angezogen werden und an die frische Luft dürfen.“

Toilettenzeit

Claus Fussek weiß nur zu gut, dass selbst diese Grundbedürfnisse in manchen Plegeheimen nicht erfüllt werden. Um den Zuhörern seines Coburger Vortrages einmal deutlich zu machen, was es heißt, nicht selbstständig entscheiden zu dürfen, wann man zur Toilette gehen möchte, erklärt Fussek, „Toilettenzeit ist erst nach dem Vortrag um 17.30 Uhr!“ Und er hält fast drohend eine gewaltige Windel hoch – im beschönigenden Fachjargon „Inkontinenzeinlage“ –, Fassungsvermögen dreieinhalb Liter. Das Auditorium hat verstanden. Alte Menschen leiden, wieso sollte Fussek seine Zuhörer schonen? Einfaches Mahnen würde ungehört verhallen.

Er projiziert das Foto einer alte Dame im Nachthemd, die auf dem Toilettenstuhl sitzt und dabei ihr Abendessen einnehmen muss. Szenen wie diese seien kein Einzelfall, doch sie würden von Funktionären immer wieder geleugnet. „Das bringt mich auf die Palme“, ärgert sich Fussek. Die „grauenhafte Allianz des Schweigens“ ist nach Ansicht von Claus Fussek der Grund für die Missstände. Und: „Wir haben die Täter in den eigenen Reihen“, echauffiert er sich. Weil mit den Folgen schlechter Pflege Milliarden verdient werden – von Kliniken, Heimbetreibern, Herstellern von Hilfsmitteln und so weiter – werde geschwiegen. Weil mit alten Leuten „Betten belegt“ werden können, sagen Notärzte nichts, wenn sie ausgetrocknete oder wund gelegene Pflegeheimbewohner in die Kliniken einliefern. „Dekubitus und Oberschenkelhalsbruch sind ein Wirtschaftsfaktor“, betont Fussek. „Das Produkt Pflege ist aber nicht markttauglich“, wettert er, denn hier gehe es um ethische Fragen.

Angst vor Jobverlust oder Repressalien versiegelt den Mund von Personal und Angehörigen. „Ich mache Pflegekräften keinen Vorwurf, wenn sie aufgrund schlechter Rahmenbedingungen ihre Arbeit nicht leisten können, aber wenn sie den Mund halten!“ Selbst Funktionäre und Politiker am „Runden Tisch“ in Berlin schweigen lieber. „Wir können doch nicht zugeben, dass wir schlecht pflegen“, zitiert Fussek. Um diesen Teufelskreis aufzubrechen, fordert Claus Fussek eine ehrliche, transparente Diskussion. Das Thema Pflege müsse politisch zur Chefsache gemacht und als gesamtgesellschaftliche Verantwortung verstanden werden. „Ich wünsche mir, dass wir darüber ebenso leidenschaftlich diskutieren, wie über PISA, Dosenpfand oder die Rechtschreibreform!“ Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt, deshalb sei es eine „verlogene Diskussion“, wenn man über fehlendes Geld jammere. Tatsache sei jedoch, dass durch aufgeblähte Verwaltungsapparate, durch unsinnige Studien und unverhältnismäßige Ausgaben für Referentenhonorare oder Reisekosten viel Geld an der falschen Stelle verschwendet würde, statt es konkret für die Pflegebedürftigen zu verwenden. Es könne nicht sein, dass gute Pflege, die alte Menschen aktiviert und rehabilitiert, „bestraft“ wird, indem die Patienten von einer höheren Pflegestufe in eine niedrigere gestuft würden, die dem Heim weniger vergütet. Es sei ein Unding, dass Hospizarbeit von Spendenmitteln abhängig sei. Fussek wundert es darum nicht, dass die Diskussion über aktive Sterbehilfe wellenartig immer wieder aufkomme. „Da gibt es eine globale Empörung von Kirche und Politik. – Schaffen wir hospizähnliche Rahmenbedingungen in den Pflegeheimen, dann wird der Ruf nach aktiver Sterbehilfe aufhören.“

Es geht anders

Foto: Claus Fussek (ForseA Archiv)„Es geht anders. Gute Heime sind bezahlbar“, unterstreicht Fussek. Und er berichtet den Coburger Zuhörern von Heimen, die sich um den Menschen kümmern. Wo Bewohner wie Gäste behandelt werden, deren Privatsphäre gewahrt wird. Wo man mit Ideen statt Dogmen kreative Lösungen für die individuellen Bedürfnisse des einzelnen findet. Den Stall mit Schafen etwa, die ein alter Mann betreuen darf und der deshalb nicht mehr wegläuft, wie vorher. Häuser, in denen eine hohe Arbeitszufriedenheit des Personals herrscht und wo der Koch auch nach Feierabend einer Bewohnerin ein paar Bratkartoffeln brät. Immerhin konstatiert er: „In Coburg gibt es eine gewisse Sensibilität für die Probleme Pflegebedürftiger.“ Ganz wichtig sei Transparenz. Das beginne damit,dass die Heimträger ihre Finanzen oder die Kontrollergebnisse des Medizinischen Dienstes öffentlich machen müssten. Unabdingbar sei es, dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden. „Schlechte Heime müssen genannt werden“, fordert Fussek und er ruft die Betreiber von guten Heimen auf, sich öffentlich zu distanzieren. Claus Fussek: „Alt und abgeschoben. Der Pflegenotstand und die Würde des Menschen“, Herder-Verlag, 192 Seiten, 19.90 , ISBN 3-451-28411-1 Auch bei Pflegebedürftigkeit möchte der Mensch täglich essen, trinken, gewaschen und angezogen werden und frische Luft atmen. Doch selbst diese Mindestanforderungen leisten längst nicht alle Pflegeheime.

Claus Fussek wurde 1953 geboren, studierte Sozialpädagogik und arbeitete selbst in Pflegeheimen. Er ist Leiter der Vereinigung Integrationsförderung e.V. und Mitglied des „Runden Tisches Pflege“ in Berlin. Der in München lebende Autor ist seit fast 30 Jahren für menschenwürdige Lebensbedingungen und Pflege bedürftiger Menschen aktiv.

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