Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
Position: Projekte > 2004 Marsch

Marsch aus den Institutionen:
Reißt die Mauern nieder!

Integration von schwerstmehrfachbehinderten Schülern

Vortrag anlässlich der Fachtagung "Von der Integration zur Inklusion" (Schirmherrschaft: Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen) am 11.11.2005 im Berliner Kleisthaus

von Kathrin Lemler

Foto von Kathrin LemlerHallo, ich freue mich sehr heute hier sein zu können. Ich erzähle gern von meiner Integration, da ich es wichtig finde, dass sich Leute mit diesem Thema auseinandersetzen.

Also, ich heiße Kathrin Lemler. Und ich bin 20 Jahre alt. Ich besuche das Wilhelm-Remy-Gymnasium in Bendorf. Dort mache ich gerade mein Abitur. Ich bin seit meiner Geburt körperbehindert. Meine Behinderung heißt Athetose. Wahrscheinlich wurde sie durch einen Sauerstoffmangel bei meiner Geburt ausgelöst. Ich kann meinen Körper nicht so gut kontrollieren. Davon ist auch das Sprachzentrum betroffen.

In meiner Freizeit treffe ich mich gern mit Freunden, lese, oder schreibe Geschichten. Hin und wieder halte ich auch Vorträge. Insgesamt bin ich ein sehr fröhlicher und unternehmungslustiger Mensch.

Aber jetzt zu unserem eigentlichen Thema: Integration.

Kindergarten

Einen Ansatz von Integration gab es, als ich als Vierjährige zwei Nachmittage pro Woche zusammen mit meiner Mutter den normalen Kindergarten in meinem Heimatort Bad Ems besuchen durfte.

Dort lief die Verständigung hauptsächlich über meine Mimik und Gestik. Ich hatte aber auch eine Bliss-Mappe, in der auch Fotos meiner Familie, meiner Therapeuten, Erzieherinnen  und der wenigen Freunde waren.

Der Kindergartenbesuch hatte für mich folgende Vorteile: Der Kindergarten war in unserer Nähe und ermöglichte mir erste Kontakte mit Gleichaltrigen. Es war wohl der erste Mini-Ansatz einer Ablösung von Zuhause.

Gleichzeitig lagen aber auch die Nachteile auf der Hand. Bei aller Liebe: Zwei Nachmittage in der Woche waren für den Integrationsgedanken viel zu wenig. Eine Verständigung kam nur bruchstückweise zu Stande. Ich spielte eigentlich fast nur mit den Erzieherinnen oder guckte zu, während die anderen Kinder spielten. Hinzu kam auch, dass meine Eltern zusammen mit Therapeuten außerhalb des Kindergartens meine „Sonder-Förderung“ übernahmen. Krankengymnastik, Logopädie und Ergotherapie fanden eben „ausgesondert“ statt.

Eine witzige Geschichte aus dieser Zeit fällt mir gerade wieder ein. Da ich bisher nur Erwachsene um mich hatte, kam ich mit den kindlichen Streitereien nicht zurecht. Ich konnte es nicht ertragen, wenn sich Kinder schubsten oder auch nur beschimpften. Häufig kam es vor, dass ich deshalb zu heulen anfing, und anfangs wusste keiner, was los war. Später erkannten die Erzieherinnen, warum ich so reagierte.  Jetzt lernten sie, wenn ich weinte, bestand die Gefahr, dass sich gleich zwei Kinder in meiner Nähe in die Haare bekommen würden.

Mein Fazit von dieser Zeit: Dieser Kindergartenbesuch war mehr als ich vorher hatte, deshalb war ich damit zufrieden. Die Bereitschaft und Offenheit einiger Erzieherinnen waren gut und wichtig, aber es fehlte eine kompetente  Vorbereitung und Schulung der Erzieherinnen. Inzwischen gab es noch mehr Kinder mit Behinderung in diesem Kindergarten. Ich glaube, meine Anwesenheit hat da wohl ein paar Berührungsängste, vor allem bei den Erwachsenen, abgebaut.

Mein Wunsch ist es daher, dass die Qualität von Integration verbessert werden sollte. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein behindertes Kind als „Beistellkind“ oder gleichwertiger Teilnehmer der Gruppe akzeptiert wird. Hier ist es am einfachsten, damit Gefühle wie Unsicherheit und Fremdsein bei den Kindern gar nicht erst entstehen: ein Kindergarten für alle Kinder mit und ohne Behinderung!

Grundschule

1992 wurde ich in die Regelklasse der Schule für Körperbehinderte „Christiane Herzog“ in Neuwied-Engers eingeschult. Integration bei meiner schweren Behinderung war für uns unvorstellbar und daher gar kein Thema.

Ich verständigte mich Anfangs nur mit meiner Bliss-Mappe. Weil es mit dem Lesenlernen klappte, kam dann meine Buchstaben-Tafel hinzu.  Diese Buchstabentafel funktioniert über ein Blicksystem.  Um einen Buchstaben auszuwählen mache ich zwei Bewegungen mit meinem Kopf. Das erste  Schreibprogramm am PC war TEDI.  Seit Juli 1995 verständigte ich mich zusätzlich mit dem Delta-Talker. Das ist ein elektronisches Sprechgerät, das über ein Symbolsystem funktioniert.

Die Vorteile an dieser Schule waren grundsätzlich die behindertengerechten Räumlichkeiten. Die Hilfsmittelversorgungen und Therapien liefen während der Schulzeit. Es war schon ein besonders geschützter Raum um Fähigkeiten zu entwickeln und zu trainieren. In kleinen Klassen gab es eine intensive Unterstützung durch die Lehrer. Man gab mir die Zeit, Dinge auszuprobieren. Man legte Wert auf Geduld,  Ausdauer und Eigenverantwortlichkeit und stärkte so mein  Selbstvertrauen .

Natürlich gab es auch Nachteile. Nach einiger Zeit fühlte ich mich geistig unterfordert, da ich intellektuell schwächere, aber körperlich überlegene Mitschüler hatte. Außerhalb der Schule fand ich keine Freunde, da ich eigentlich den ganzen Tag in der 20 km entfernten Schule verbrachte.  Trotz Sonderschul-Status fehlten den Lehrern damals Kenntnisse im Bereich unterstützte Kommunikation.  Das bedeutete: Meine Förderung im Bereich „Unterstütze Kommunikation“ kam von zu Hause, und die Schule tolerierte unsere Aktivitäten, aber mit wenig eigenem Engagement.

An etwas erinnere ich mich noch genau. Noch bevor ich einen Delta-Talker hatte, wählten mich meine Klassenkameraden zur stellvertretenden Klassensprecherin. Eine nichtsprechende Klassensprecherin, klingt lustig, oder?

Mein Fazit: Es war wohl der richtige Weg für mich, erst in der KB-Schule anzufangen.  Ich glaube, dass ich viele Dinge an einer Regelschule nicht gelernt hätte. Zum Beispiel E-Rolli fahren, weil mir die Zeit zum Ausprobieren von Hilfsmitteln gefehlt hätte.

Mein Wunsch: Ich wünsche mir, dass Förderschulen überflüssig werden. Eine Voraussetzung ist, dass die Gebäude aller Schulen behindertengerecht sind. In Integrationsschulen sollte Zeit und Kompetenz vorhanden sein, individuelle Förderung zu bieten. Vielleicht braucht ja auch ein nichtkörperbehinderter Schüler einmal mehr Zeit und Zuwendung? Lehrer und Erzieher müssten grundsätzlich bereit sein, sich die Kompetenz anzueignen (notfalls sollten sie dazu verpflichtet werden), die sie für ihre Schüler brauchen. Es gibt so einen Spruch vom lebenslangen Lernen, vielleicht gilt der auch für Lehrer. Beispielsweise sollte ein Lehrer, der ein nichtsprechendes Kind in die Klasse bekommt, hier eine Weiterbildung machen. Es darf doch nicht vom Zufall abhängen, ob Kinder die Chance zur Verständigung erhalten oder nicht.

Realschule

Nach der fünften Klasse bekam ich eine Gymnasialempfehlung und wo war die passende Schule? Als 12-Jährige ins Internat nach Köln? Das schreckte eher ab. In der Nähe gab es das Integrative Wilhelm-Remy-Gymnasium, Bendorf. Doch nach einem Vorstellungs-Vortrag vor dem Lehrerkollegium folgte eine Ablehnung. Zu viele Schwierigkeiten und zu hohe Anforderungen für mich. Erst nachdem zusätzliche Lehrerstunden genehmigt und die Schulaufsichtsbehörde meine Aufnahme befürwortete, kam einen Tag vor Schulbeginn doch noch eine Zusage. Aber da diese Aufnahme auf Druck erfolgte, blieben auf unserer Seite Unsicherheit und Zweifel.  War nicht eine Schule, in der mehr Offenheit und grundsätzliche Bereitschaft vorhanden waren, besser geeignet? 

Nach positiven Erfahrungen während eines 14-tägigen Probeschulbesuch entschieden wir uns für eine ganz normale Schule: die Konrad-Adenauer-Schule, Regionalschule in Vallendar. Dort war ich im Jahr 1998 die erste behinderte Schülerin. Ich wurde in dieser Zeit von meinem  Integrationshelfer Steffen begleitet. 2002 erreichte ich dort als Klassenbeste die Mittlere Reife.

Die Verständigung mit meiner Buchstaben-Tafel ging auch dort am schnellsten. Anfangs war mein Integrationshelfer der Dolmetscher, später konnten auch einige Mitschülerinnen so mit mir sprechen. Außerdem hatte ich weiterhin den Delta-Talker. Seit dem Jahr 2000 benutze ich eine speziell für mich entwickelte Software ERIC auf meinem Laptop. Ich bediene  "Eric" mit drei Schaltern in der Kopfstütze meines Rollstuhls. Zusätzlich habe ich noch einen Schalter an meinem rechten Knie.  "Eric" funktioniert im Prinzip wie das T9-System bei Handys. Ich schreibe quasi auf einer mehrdeutigen Tastatur. Im Hintergrund des Programms läuft ein großes Lexikon mit und schlägt mir Wörter vor.  "Eric" ist für mich ein riesiger Fortschritt!

Diese Schule war endlich eine intellektuelle Herausforderung, die Spaß machte und richtige Selbstbestätigung vermittelte. Ich hatte nette Mitschüler, die mich ganz normal akzeptierten. Es gab auch Mitschüler, mit denen ich nicht zurecht kam, normal, oder? Für mich ist das Richtige Integration. Wichtig waren die besonders engagierte Schulleiterin und die LehrerInnen. Für sie sind moderne Unterrichtsmethoden wie Gruppenarbeit und Differenzierung bereits selbstverständlich. Außerdem habe ich seitdem keinen ständig wechselnden Zivi. Die Genehmigung eines gelernten Sozialarbeiters als Integrationshelfer, der den Umgang mit meinen Kommunikationstechniken erlernte und die besondere Fähigkeit hat, auch die von mir diktierten Fehler völlig unbewegt aufzuschreiben, war Voraussetzung für das gute Funktionieren.  Es war auch keine Ganztagsschule und somit genoss ich erstmals freie Nachmittage. Es entwickelten sich Kontakte mit Gleichaltrigen auch in der Freizeit. Ich erlebte herrlich Normales, beispielsweise Zelten, Kino, Einkaufen, Quatschen.

Der Nachteil an dieser Schule war, dass Hilfsmittelanpassungen und Therapien wieder völlig an Zuhause hängen blieben.

Auch aus dieser Zeit gibt es eine Geschichte aus der Praxis, die ich gerne erzählen möchte. Meine Freundin Chrissi, die meine Buchstabentafel kann,  wurde mal gefragt, was sie am liebsten mit mir macht. Sie antwortete wie mit der Pistole geschossen: Quasseln! Das sagt doch alles, oder? Heute arbeiten einige meiner Freundinnen aus dieser Zeit im sozialen Bereich. Ich denke, ich bin daran nicht unschuldig.

Mein Fazit: Es war eine supertolle Zeit, in der ich viele Erfahrungen in der „normalen“ Welt machen konnte.

Mein Wunsch ist es, dass LehrerInnen ihren Unterricht verändern. Weg vom „Frontalunterricht“, mehr Gruppenarbeit und moderne Technik wie Arbeitsblätter am PC einsetzen.

Gymnasium

Nach Abschluss der Mittleren Reife wechselte ich 2002 in die elfte Klasse des integrativen Gymnasiums Bendorf. Statt des Integrationshelfers habe ich jetzt eine Assistentin. Meine Assistentin heißt Katja und ist Sozialpädagogin. Ich bin ihr Chef, denn sie ist direkt bei mir angestellt. Solange ich noch zur Schule gehe, wird meine Assistentin von der Kreisverwaltung bezahlt. Katja übernimmt die Tätigkeiten, die ich nicht allein ausführen kann. Sie tut nur das, was ich ihr sage. Deshalb ist sie auch keine Betreuerin, sondern eine Assistentin! 

Nachdem ich in Vallendar bewiesen hatte, dass ich leistungsfähig bin, startete ich nun erneut einen Versuch am Bendorfer Gymnasium.

Hauptsächlich verständige ich mich jetzt mit Hilfe meiner Buchstabentafel und ERIC. Im Januar 2003 hat mir die Krankenkasse eine neue Kommunikationshilfe genehmigt, so dass ich Eric jetzt auch am E-Rolli habe!

Die Vorteile an dieser Schule sind: Hier habe ich die Chance auf das Abitur. Dieses integrative Gymnasium hat ein engagiertes Team von Sonderpädagoginnen, Krankengymnasten und einigen Lehrern, das sich um die Besonderheiten und Probleme der körperbehinderten SchülerInnen kümmert. Eigentlich sollte es Kontakte zu „normalen“ MitschülerInnen geben. Ich habe ein paar besonders nette, einfallsreiche und engagierte LehrerInnen kennengelernt.

Nachteile: Da ein spezielles Team für die Belange der behinderten Schüler zuständig ist, kann dies auch dazu verleiten, Dinge einfach abzuschieben. Das erste halbe Jahr habe ich mit einigen schlechten organisatorischen Rahmenbedingungen gekämpft: häufige Klassenraumwechsel mit Schlangestehen vor dem Fahrstuhl, zu kurze Pausen und damit kaum Erholungs- und Essgelegenheit für mich, generell kaum Chancen für Kontakte mit Mitschülern, zuviel Frontalunterricht, strikte Stundenplangestaltung, die keinerlei Rücksicht auf Aufnahmefähigkeit nimmt.

Das erste halbe Jahr habe ich mit einem guten Zeugnis abgeschlossen, aber das ging mir an die Substanz. So konnte ich nicht weitermachen. Ich brauchte unbedingt eine Reduzierung der Wochen-Stundenanzahl. Auch mit einem mehr an Zeit für die Kursarbeiten war mir nicht geholfen. Es ist viel schwerer auf meine Art einen Text zu verfassen. Vergleichbare Leistungen hieße für mich: Ein Nichtbehinderter schreibt ebenfalls wie ich mit meiner Kommunikationshilfe. Auch darf er sich bei einer Lektüre keine Bemerkungen an den Rand schreiben und muss einem anderen erklären, wie der in Mathe die Formeln schreiben soll. So hätten die anderen keine Chance. Aber ich bin ja fair und habe mir nur einen anderen Nachteilsausgleich gewünscht.

Zusammen mit den Lehrern und mit der Schulaufsichtsbehörde haben wir eine individuelle Lösung für mich gefunden.  Ich mache mein Abitur in zwei Durchgängen. In den ersten drei Jahren habe ich nur die Hälfte meiner Kurse belegt. Im Januar 2005 wurde ich nur in diesen Fächern geprüft. Jetzt habe ich quasi bereits mein halbes Abitur. Ich gehe nun nochmals in die elfte Klasse und besuche die andere Hälfte meiner Kurse. Insgesamt bleibe ich sechs Jahre in der Oberstufe und habe 2008 voraussichtlich ein vollständiges Abitur. 

Für mich ist diese Lösung eine große Erleichterung. Jetzt bin ich optimistisch. Ich schaffe mein Abitur. Gleichzeitig habe ich neben der Schule auch noch Zeit für Freizeitaktivitäten. Im Moment bin ich eigentlich rundherum zufrieden.

Zum Abschluss eine Reise-Typen-Charakterisierung besonderer Art

  • Kennen Sie die „Neckermann-Touristen“ , die auch im Urlaub auf ihr gewohntes Bier und Rheinischen Sauerbraten nicht verzichten wollen? Alles was im Ausland fremd ist, interessiert überhaupt nicht oder stört.
  • Dann gibt es noch die Abenteuerurlauber. Die reisen völlig planlos ins Fremde und riskieren dabei manchmal Kopf und Kragen, weil sie die Gefahren nicht einschätzen können.
  • Eine weitere Spezies sind die „Volkshochschul-Bildungsreisenden“. Unter kompetenter Reiseleitung besuchen sie vor allem kulturelle Sehenswürdigkeiten. Vieles ist ihnen bereits durch die vorherige ausgiebige Lektüre von Bildbänden und Reiseberichten anderer bekannt.  Sie beschweren sich, wenn etwas anders läuft, als es im Reisekatalog stand.
  • Als letztes möchte ich Ihnen noch die Individualreisenden vorstellen. Sie wollen „Land und Leute“ kennen lernen. Sie freuen sich über die neuen interessanten Erfahrungen und Erlebnisse und stellen fest, dass Pizza auch schmeckt!

Versuchen Sie doch mal, dieses Bild auf den Umgang mit behinderten Menschen zu übertragen...

Ich möchte also gerne viele Individualreisende kennen lernen. Denn ich bin überzeugt, Integration ist möglich, so lange es Leute gibt, für die es selbstverständlich ist, dass jeder Mensch seine Stärken und Schwächen hat und jeder Mensch mal Hilfe braucht.

So, das war es von meiner Seite. Falls Sie noch Fragen haben, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte haben Sie nur etwas Geduld mit meiner Antwort.  

| eine Seite zurück |


Warum diese Kampagne? Trennsymbol Termine Trennsymbol Aktivitäten Trennsymbol Materialien zum Herunterladen Trennsymbol Presse Trennsymbol Hintergrundinfos Trennsymbol Geschichten und Erfahrungen Trennsymbol Stimmen zur Kampagne Trennsymbol Förderer und Spender Trennsymbol Unterstützer der Kampagne Trennsymbol Wer sind wir?
© 2006 ForseA - Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.