Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
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Von der Ehe nur träumen

Der Hochzeitstermin steht seit Monaten fest; die Gäste sind schon lange eingeladen. Warum Christian K. und Karin Z. (Namen geändert) ihre Hochzeitspläne jetzt begraben haben, schildert Christian K. Ihre richtigen Namen möchten das Paar nicht nennen, da es nicht sicher ist, ob es dadurch Nachteile erleiden könnte.

Christian K. hat in diesem Jahr Jubiläum: Vor 25 Jahren verunglückte er im "Dienst für den Staat" und ist seither ab der Halswirbelsäule querschnittgelähmt. Für seine rund-um-die Uhr-Versorgung beschäftigt er Assistenten im Arbeitgebermodell. Diese sichern ihm ein unabhängiges, selbst bestimmtes Leben. Für die unfallbedingten Folgekosten – folglich auch für die Assistenzkosten – kommt das Versorgungsamt auf. "Daher hatte ich es im Vergleich zu anderen, die auf Leistungen von Sozialämtern angewiesen sind, relativ leicht, die Assistenzkosten bewilligt zu bekommen", berichtet Christian K.

Bis vor einigen Jahren lebte er als Single in seinem eigenen Haus. Dann lernte er per Zufall Karin Z. kennen. Die beiden verliebten sich ineinander. Auch Karins, mittlerweile fast erwachsenen Töchter, akzeptierten Christian mitsamt seiner Behinderung schnell. Nachdem die Beziehung zunächst auf räumliche Distanz durch zwei verschiedene Wohnungen klappte, zogen Karin Z. und ihre Kinder zusammen sein Haus, jedoch in zwei getrennte Wohnungen, um das Alltagsleben zu erproben. "Schließlich ist es nicht so ganz einfach für eine Beziehung bzw. das Familienleben, wenn Assistenten als dritte immer anwesend sind. Und für uns war es wichtig, dass ich als 'Stiefvater' so wie ich bin akzeptiert würde", so Christian K. "Für mich ist es wichtig, nicht von der Hilfe meiner Partnerin abhängig zu sein. Sie liebt ihren Beruf im sozialen Bereich. Deshalb war es für uns immer klar, dass sie ihn weiter ausüben wollte und deshalb auch sollte. Als sie sich weiter qualifizierte, kümmerte ich mich, mit der zwangsläufigen praktischen Unterstützung meiner Assistenten, um Haushalt und Kinder, wie es wohl ein nicht behinderter und nicht berufstätiger Partner auch getan hätte", schildert er die Normalität ihres Zusammenlebens. Er wollte immer eine Partnerin, wie jeder andere Mann auch und keine Pflegeperson, betont er nochmals. Natürlich stehe in einer Partnerschaft einer für den anderen ein, aber: "Völlige Abhängigkeit voneinander, besonders wenn der eine über Gebühr, also das Maß des Üblichen belastet wird, kann das die beste Beziehung zerstören", sagt Christian K.

Der Alltag zeigte, dass er der Liebe keinen Abbruch tat. Darum wollten die Beiden das tun, was auch heute noch viele andere Paare tun: heiraten. Der Hochzeitstermin wurde festgelegt, die Gäste eingeladen. Doch Gespräche mit Freunden verunsicherten die Beiden, nicht weil sie an ihrer Liebe und dem Wunsch nach Zusammenleben zweifelten, sondern weil sie nicht sicher sein können, welche Folgen eine Heirat möglicherweise hätte. "Auf Anraten von Freunden haben wir uns bei mehreren Juristen erkundigt", so Christian K. Diese hätten dargestellt, dass es durch eine Heirat durchaus möglich wäre, dass Karin verpflichtet würde, ihn zumindest eine gewisse Zeit des Tages selbst zu pflegen. "Unmöglich, Karin ist schließlich in Vollzeit und Schichten berufstätig. Dann wäre unsere 'praktische' Unabhängigkeit voneinander vorbei. Nicht ausschließen konnten es die Juristen, dass meine zukünftige Frau auch finanziell für meine Assistenzkosten einstehen müsste. Das Risiko sahen sie zwar als gering an, und die Chancen bei einem Rechtsstreit vor Gericht zu gewinnen, als relativ groß". Doch eine Garantie könne verständlicherweise niemand geben.

Für Karin Z. und Christian K., waren die Auskünfte ein Schock. Sie führten viele Gespräche darüber, ob sie nicht doch heiraten sollten. Schließlich lieben sie sich. "Aber wie gesagt, ich habe schreckliche Angst, dass die mögliche Abhängigkeit von meiner Frau unserer Liebe und Beziehung eines Tages schaden könnte. Und das will ich vermeiden, selbst wenn Karin das für sie größere Risiko, für mich immer da sein zu müssen, auf sich genommen hätte". Darum hätten sich die beiden schweren Herzens entschlossen, die Hochzeit abzusagen.

"Wissen Sie, es dauert ein paar Jahre, dann hat man sich mit der körperlichen Behinderung und allen Einschränkungen, die sie zwangsläufig mit sich bringt, arrangiert. Ich habe immer versucht, das Beste daraus zu machen. Ich sehe aber nicht ein, dass auch meine Frau, und womöglich sogar deren Kinder, die Folgen meines Unfalls auch noch tragen sollen", sagt Christian K.

Er wisse, dass bei Partnern, von denen einer wegen einer Behinderung auf finanzielle Leistungen durch das Sozialamt angewiesen sei, auch die anderen ständig in finanzieller "Geiselhaft" stehen würden. "Kein Wunder, dass solche Partnerschaften häufig zerbrechen oder dass andere erst gar nicht zustande kommen, wenn sie von vornherein mit einem solchen 'Risiko' behaftet sind. Das wird auch so bleiben, so lange Assistenzleistungen nicht einkommens- und vermögensunabhängig als Nachteilsausgleich gewährt werden. Da von Paradigmenwechsel und Chancengleichheit zu sprechen, ist höhnisch", ergänzt Christian K. bitter.

 

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