Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
Position: Projekte > Persönliches Budget

Das Märchen vom Persönlichen Budget

von Dr. Corina Zolle, Heidesheim

Es war einmal ein armer Wandersmann, der schleppte sich halb verhungert zum Palast des Königs. Da er sich in einem sehr schlechten Zustand befand, wies ihm die Wache den Weg zur Palastküche. Dort bat er um etwas zu essen und erhielt nach geraumer Zeit einen Würfel Hefe. Skeptisch betrachtete er den Würfel Hefe, daraufhin sagte die Palastköchin: "Du wolltest etwas zu essen, jetzt hast du etwas zu essen. Wenn es dir nicht passt, nehme ich es dir wieder weg. Hefe kostet viel Geld, jeder andere wäre glücklich darüber, so etwas zu haben." Also nahm der Wandersmann seine Hefe und schleppte sich aus dem Palast. Vor der Stadtmauer traf er einen anderen armen Teufel, der trug einen halben Sack Mehl auf der Schulter und berichtete, dass er diesen im Palast an der Ostgrenze des Reiches erhalten hatte. Auch er wirkte irgendwie krank, denn er hatte bereits einen halben Sack Mehl aufgegessen und das war ihm nicht besonders gut bekommen. Er hatte allerdings von einem anderen gehört, dass in diesem Palast seinem Problem Abhilfe geschaffen werden könnte.

Also machte sich unser Wandersmann auf den Weg zum Palast an der Ostgrenze. Auch dort wurde er wieder in die Palastküche geführt und erhielt, nachdem sein Gesundheitszustand genauestens untersucht worden war einen Sack Mehl.

MehltüteDoch auch mit dem Mehl und der Hefe konnte er noch nicht allzu viel anfangen. Er wanderte also zum nächsten Fluss, nahm sich etwas Wasser und knetete sich mit dem Mehl und der Hefe einen Teig. Völlig ausgehungert aß er ihn zur Hälfte auf und bekam natürlich fürchterliche Bauchschmerzen. Da kam ein anderer Wandersmann des Wegs und sah, wie er sich vor Bauchschmerzen am Boden wand. "Bist du denn verrückt!", sagte der Wandersmann, "Du kannst den Teig doch nicht roh essen! Du musst doch erst ein Brot davon backen. An der Westgrenze des Königreiches gibt es einen Ofen, dort kannst du den Teig backen, wenn du recht schön darum bittest."

Also schleppte sich unser Wandersmann auf Händen und Knien zum Palast an der Westgrenze des Königreiches. Dort gab er den Teig, der mittlerweile eine enorme Grüße angenommen hatte, der Palastköchin, und die backte ihm ein schönes Brot.

Als er vor dem Palast in der Sonne saß und glücklich an seinem Brot kaute, kam die gute Fee ForseA vorbei. "Na", sagte sie zu ihm, "du siehst aber auch aus, als hättest du schon einiges hinter dir. Was ist dir denn zugestoßen?" Daraufhin erzählte der Wandersmann ihr seine Geschichte. "Oh, du armer Teufel", sagte die gute Fee ForseA, "da haben sie mal wieder einen richtig zum Narren gehalten im Palast des Königs. Du hast das ganze völlig falsch angefangen. Du hättest gleich am Anfang sagen müssen, dass du Brot haben möchtest, nicht einfach was zu essen. Im Palast musst du schon ein bisschen konkreter sein. Dann hätten sie dir ein trägerübergreifendes persönliches Budget gegeben, und mit dem hättest du dir auf dem Markt dann ein Brot gekauft und die ganze Herumrennerei wäre dir erspart geblieben. So einfach ist das!"

Viele Wochen später war der Wandersmann wieder schrecklich hungrig. Aber dieses Mal war er schlauer. Er ging zum Palast und sagte: "Ich beantrage ein trägerübergreifendes persönliches Budget, damit ich mir davon Brot kaufen kann." Die Palastköchin sah ihn erstaunt an und sagte, so etwas hätte sie ja noch nie gehört und wollte ihm einen Würfel Hefe in die Hand drücken. "Nein", sagte der Wandersmann, "die Hefe will ich nicht, ich will ein trägerübergreifendes persönliches Budget!" Die Palastköchin war daraufhin sehr ungehalten und wollte ihn vor die Tür setzen. Doch dann erzählte er der Palastköchin von der guten Fee ForseA und dass er ein Recht auf ein zwei Brotlaibeträgerübergreifendes persönliches Budget hätte. Die Palastköchin sagte daraufhin mürrisch, dass sie das zuerst mit ihrem Chef besprechen müsste und verschwand. Bald darauf kam der Palastkämmerer und sagte: "Bevor wir dir ein trägerübergreifendes persönliches Budget geben können, musst du dein letztes Hemd hergeben." Der Wandersmann errötete, aber, da der Hunger groß war, gab er ihm sein letztes Hemd. Nackt und bloß stand er jetzt vor dem Kämmerer und empfing sein trägerübergreifendes persönliches Budget. Damit ging er dann zum Bäcker und wollte sich ein Brot kaufen. Doch der Bäcker lachte ihn nur aus. "Für das bisschen Geld bekommst Du bei mir kein Brot. Das reicht noch nicht mal für ein halbes Brötchen. Und außerdem, zieh dir erstmal was Anständiges an, so wie Du hier rum läufst, das gehört sich wirklich nicht!"

Bedrückt betrachtete der Wanderer die wenigen Münzen, die der Palastkämmerer ihm zugebilligt hatte. Er ging also zurück zum Palast und erklärte dort sein Problem. Daraufhin sagte der Palastkämmerer: "Du hast gesagt, Du willst ein trägerübergreifendes persönliches Budget, damit du dir davon Brot kaufen kannst. Du hast aber nicht gesagt, wie viel Brot zu kaufen willst. Ich gebe dir jetzt ein so hohes persönliches Budget, dass du davon so viel essen kannst, dass du satt wirst. Das mache ich auch nur in deinem Fall und ganz ausnahmsweise und ich lege dir sogar noch was drauf, damit du dir eine Unterhose kaufen kannst."

Glücklich machte sich der Wandersmann mit einem Säckchen voller klimpernder Münzen auf den Weg. Dabei kam er an einem Wirtshaus vorbei und dachte sich: "Nach den ganzen Scherereien, die ich hatte, trinke ich doch jetzt gerade mal ein Bier." Und er bestellte sich etwas zu essen und dazu ein Bier.

In diesem Moment kam der Palastkämmerer vorbei und sah, dass der Wandersmann sich ein Bier bestellt hatte. Wutentbrannt und mit hochrotem Kopf stürzte er an den Tisch des Wandersmanns und stellte ihn zur Rede. "Ich habe dir aus dem Säckel des Königs ein Budget bewilligt, damit du nicht verhungerst, und das Erste was du machst ist ein Saufgelage in der nächstbesten Kneipe und deine Kumpels willst Du damit wahrscheinlich auch noch freihalten. Es ist immer dasselbe mit Euch Pack, sobald ihr etwas Geld habt, wird es versoffen. Dein Budget ist gestrichen!!! Offensichtlich brauchst du es ja überhaupt nicht. Und zieh dir mal was Anständiges an! Es ist ja eine Schande, wie du hier rumläufst!"

Nackt und immer noch hungrig, denn der Wirt hatte ihm natürlich nichts gebracht nach dem ganzen Aufruhr, stand der Wanderer bald wieder vor der Stadt. Dort begegnete ihm noch einmal die gute Fee ForseA. "Ach", sagte sie, "so hatten wir uns alle das auch nicht vorgestellt mit dem persönlichen Budget. Das Gesetz des Königs ist so wohlklingend und wahrscheinlich hat er es auch gut gemeint, aber dieser Kämmerer.... Das ist ein ganz Schlimmer. Der stellt sich immer so an, als wäre es sein eigenes Geld. Und findet auch immer einen Weg das Gesetz des Königs zu umgehen. Leider will ihn der König nicht entlassen, wahrscheinlich hat er selber Angst vor ihm.... Aber, und das ist ein großes Glück, seit kurzer Zeit gibt es eine Menschenrechtskonvention, die sagt, dass niemand mehr verhungern muss."

Ratlos betrachtete der Wandersmann die gute Fee ForseA. "Und was hilft uns das?" fragte er die gute Fee. "Tja", sagte sie, "das weiß auch noch niemand so ganz genau. Aber zumindest kannst Du dich in ein paar Jahren beschweren, dass deine Menschenrechte verletzt worden sind,...", "... falls ich bis dahin noch nicht verhungert bin." beendete der Wandersmann ihren Satz.

ForseA-Fee"Weißt Du was", sagte die gute Fee, "wir gehen jetzt zum König." Gesagt, getan. Da die gute Fee ein paar Minister kannte, bekamen sie auch ganz schnell einen Termin für eine Audienz. Gemeinsam berichteten sie dem König das Problem. "Tja", sagte der König, "von diesem Problem habe ich auch schon manchmal gehört, aber was soll ich tun? Ich kann mich ja schließlich nicht selbst um alles kümmern. Da muss ich mich schon auf meinen Kämmerer verlassen. Aber es ist gut, dass Ihr zu mir gekommen seid. Ich werde ihm jetzt die Anweisung geben, dass du dein persönliches Budget bekommst und er dich ansonsten in Ruhe lässt. Und dann frage ich mal meinen Kammerdiener, ob er nicht noch ein altes Gewand von mir für dich hat. So kannst du ja nicht rumlaufen, das ist ja unanständig, wo hast du denn dein Hemd gelassen?" Da erklärte ihm der Wandersmann, dass der Kämmerer ihm auch sein letztes Hemd genommen hatte, weil er vorher keinen Anspruch auf ein persönliches Budget gehabt hätte. Das wunderte den König, aber er schmunzelte: "Dieser Kämmerer..., er probiert es doch immer wieder. Und dabei habe ich ihm schon so oft gesagt, dass er niemandem sein letztes Hemd wegnehmen soll."

Durch einen Boten ließ er den Kämmerer rufen. Dieser war auch gleich zur Stelle und hatte auch das Beutelchen mit Münzen sogleich zur Hand. Lächelnd überreichte er dieses dem Wandersmann und machte dabei sogar noch eine kleine Verbeugung.

Froh gingen der Wandersmann und die gute Fee ForseA aus dem Palast und der Wandersmann ging zufrieden seiner Wege. Die gute Fee ForseA allerdings blickte mit gerunzelter Stirn auf die wachsende Menge von armen Wandersleuten, die nackt, mit halb leeren Säcken über die Schulter, auf Händen und Knien oder auch teilweise sich in Krämpfen am Boden windend vor dem Palast warteten.

"Es gibt viel zu tun..." sagte sie und spuckte sich in die Hände.


Heidesheim
Mai 2009

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