Bundesverband
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Persönliches Budget

Persönliche Budget-Tour im Behindertenheim Rappertshofen/Baden-Württemberg, ein Fehlstart !!!

Von Gotthilf Lorch 

Foto von Gotthilf LorchEs ist leider schon 4 Wochen her, als am 22. Oktober die Budget-Tour bei uns im „Ländle“ war. Ich musste danach das Erlebte erst ein paar Tage verdauen und dann stellte sich unglücklicherweise noch eine hartnäckige Grippe ein. Dennoch möchte und muss ich zu dieser Veranstaltung noch einiges loswerden. Denn nicht überall verlief die Veranstaltung der Budget-Tour so „bravourös“, wie von unserer Bundesbehindertenbeauftragten, Karin Ever-Meyer, in ihrer Abschlussrede (nachzulesen auf Der nachfolgende Link öffnet ein neues Fenster http://www.budget-tour.de) dargestellt wurde.

Es war schon etwas befremdlich, dass die Veranstaltung in einem Behindertenheim stattfand. Allerdings konnte man das natürlich auch als eine Chance für die Heimbewohner deuten. Und tatsächlich - mein einzig wirklich positiver Eindruck an der Veranstaltung ! - waren sehr viele Bewohner aus dem Behindertenheim Rappertshofen am Thema interessiert. Aber leider wurden ihre und so manch Anderer Erwartungen enttäuscht.

Zunächst musste man sich durch lange und nichts sagende Reden quälen, von unseren örtlichen Repräsentanten vom Heim und Reutlinger Bürgermeister über Direktor Roland Klinger vom Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg bis hin zu unserem vorgesetzten (nicht gewähltem) Behindertenbeauftragten von Baden-Württemberg, Dieter Hillebrand. Alle taten sich vor Allem mit der Tatsache hervor, dass 3 Städte vom „Ländle“ beteiligt waren als Modellregionen und unser Land daher mit auch schon über 200 (Wow !!!) Anträgen zum Persönlichen Budget beispielhaft wäre. Natürlich ist es das bei näherem Hinsehen nicht!

Dann kam, lange erwartet, die Rede der Gastgeberin, der Bundesbehindertenbeauftragten, Frau Karin Ever-Meyer. Sie verpatzte beinahe ihre ganze Rede mit der einführenden Bemerkung, sie müsse leider früher gehen, da Sitzungswoche im Bundestag wäre. Wir hätten sicherlich schon gehört, wie teuer es wäre, dort nicht an Sitzungen teilzunehmen und hätten deshalb sicherlich Verständnis dafür. Nein! Verständnis hatte ich dafür nicht. Hat Sie doch als Veranstalterin einer so wichtigen und auch noch einzigen (auch politischen) Einführung zum Persönlichen Budget die Hoheitsgewalt über die Termine und könnte dem Thema auch in Baden-Württemberg wenigstens soviel Achtung schenken, um diesen Termin nicht gerade in eine Sitzungswoche im Bundestag zu legen. Zumal diese sicherlich nicht kurzfristig im Bundestag eingeschoben wurde.

Der Beitrag von Frau Dr. Metzler war sehr aufschlussreich über die bisherige Entwicklung zum Persönlichen Budget und für Statistiker sicherlich höchst interessant. Er ist auch, zusammen mit einem repräsentativen Beitrag von Karin Evers-Meyer, auf der oben genannten Internetseite nachzulesen. Leider kamen aber die inhaltliche Seite, Ausführungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, nur sehr begrenzt zur Sprache. Gerade von ihr, die dieses Gesetz maßgeblich mit entwickelt hat, wäre das von großem Interesse gewesen.

Dann kamen endlich die Erfahrungsberichte eines Budgetnutzers und seiner Budgetassistentin (das Wort Budgetbetreuerin finde ich einfach zu vereinnahmend und abstoßend). Nachdem der gehbehinderte Berichter schwer, aber gesund (sicherlich dank einiger kurzer Stoßgebete aus den Reihen der Zuschauer, es möge ihm nichts geschehen) das nicht barrierefreie Podest erklommen hatte, berichtete er von seinem nun weitgehend selbständigen Leben dank dem Persönlichen Budget. Sein wichtigster Punkt war allerdings die Notwendigkeit einer Budgetassistenz, um sich in allen Situationen zurecht zu finden.

Dies war auch der wichtigste Punkt der Budgetassistentin, die auch bedauerte, dass die Budgetassistenz noch nicht als extra Leistungsposten bei den Budgetverhandlungen anerkannt wird.

Hätte aber nicht ein Herr aus dem Publikum über seine - oft negativen - Erfahrungen bei seinen Verhandlungen zum Budget und vor allem der Bedarfsermittlungen seiner notwendigen Hilfen, die er in Anspruch nehmen muss, um ein einigermaßen erfülltes Leben führen zu können, dann wäre das Thema "Persönliches Budget bei hohem Assistenzbedarf" wohl ganz unter den Tisch gefallen.

Außerdem musste Frau Dr. Metzler leider auf die Frage aus dem Publikum erklären, dass die Sachleistungen der Pflegeversicherung sicher noch lange nicht "vergeldlicht" in das Persönliche Budget einfließen können.

Foto Dieter HillebrandAls die 2. Runde zur Fragensammlung und Diskussionsbeiträgen aus dem Publikum eingeläutet wurde, unterbrach diese ausgerechnet unser nicht gewählter, sondern vorgesetzter Behindertenbeauftragter von Baden-Württemberg, Dieter Hillebrand, mit den Worten, man müsse langsam zum Ende kommen, die Küche warte. So wurde innerhalb kürzester Zeit der wichtigste Teil der Veranstaltung, der Gedanken- und Erfahrungsaustausch durch den noch wichtigeren Teil, sich "die Wampe voll zu schlagen" ersetzt.

Und auch zu diesem gemütlichen Teil muss ich noch einige Bemerkungen loswerden. Es gab ein leckeres, kaltes Buffet. Wer allerdings ohne Assistenzbegleitung die Veranstaltung besuchte, tat sich schwer, irgendetwas zu erhaschen. Denn es fehlte an Helfern, die einen beim Auftragen auf den Teller unterstützen hätten können. Dann gab es nur Stehtische. Menschen im Rollstuhl oder sonst wie Mobilitätsbehinderte mussten sich an Büchertische oder Servierwägelchen (auf denen die Getränke standen) quetschen, oder hatten die Möglichkeit, Tische weit weg vom Geschehen aufzusuchen und zum Essen außen vor zu sein und auf Gespräche und Diskussionen mit Anderen weitestgehend zu verzichten.

Als ich meinem Ärger Luft machen wollte, dass ausgerechnet in einem Heim für Menschen mit Behinderungen so eklatant auf die selbstverständlichsten Grundsätze der Barrierefreiheit bei einer landesweiten Veranstaltung mit Menschen mit Behinderungen, stieß ich zumindest bei der direkten Organisation des Behindertenheims Rappertshofen auf Unverständnis. Gebärdensprache wäre nicht angemeldet worden und an die Tische hätte man nicht gedacht.  Und wir helfen uns doch gegenseitig beim Buffet.

Als "besonderen Witz" betrachte ich allerdings die Bemerkung eines für die Organisation verantwortlichen Abteilungsleiters des Hauses: auch wenn ich nichts Gutes an der Veranstaltung finden würde, möchte er noch besonders lobenswert erwähnen, dass das Küchenpersonal für diese Veranstaltung keine einzige Überstunde aufschreiben würde. Das wäre doch toll.  Nach kurzer Sprachlosigkeit schoss es aber förmlich aus mir heraus: "Dann schaffet die au no umsonst" Woraufhin er sprachlos war.

Eine letzte Bemerkung: Im Behindertenheim Rappertshofen gibt es immer noch Doppelzimmer für Menschen, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben, bis auf das, dass sie eben zufällig im gleichen Behindertenheim (und Zimmer) leben. In meinen Augen ist das menschenverachtend und grenzt an Verwahrung ohne ein Verbrechen begangen zu haben. Es ist dringend an der Zeit, dass, auch über das Persönliche Budget, allen Menschen ein Leben in Würde und größtmöglicher Selbständigkeit mit wenigstens minimaler bedarfsgerechter Unterstützung ermöglicht wird.

Gotthilf Lorch, Dipl. Soz.-Arb./FH, selbst auf viele Assistenzhilfen angewiesen, kein Budgetnutzer, im Vorstand im Club für Behinderte und ihre Freunde in Tübingen und Umgebung e.V. und in AMICI e.V.

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