Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
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Persönliches Budget

Von Bären im Zoo und Menschen in Behinderteneinrichtungen

von Dr. Corina Zolle, Heidesheim

Sorgenvoll blicke ich in die Zukunft. Wurde doch in den letzten Jahren der Begriff des Paradigmenwechsels in der Behindertenpolitik immer häufiger benutzt, wurde immer lauter "ambulant vor stationär" propagiert. So frage ich mich heute, warum sich die Politik so darauf gestürzt hat; und wo werden wir eigentlich ankommen?

Mit vehementer Unterstützung der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung wird und wurde die Deinstitutionalisierung gefordert und in manchen, wenigen Fällen sogar umgesetzt - für mehr Selbstbestimmung und (Wieder)-Eingliederung.

Bislang zum Teil recht locker sitzende Förderungen für stationäre Einrichtungen wurden eingestellt, Persönliche Budgets geschaffen, die mehr Eigenständigkeit und mehr Eigenverantwortung für behinderte Menschen bringen sollen.

Die Erwartungen in den Abbau von Einrichtungen waren groß, doch wie uns die Realität nun zeigen mag, sehr unterschiedlich.

Die Kämpfer der Behindertenbewegung glaubten, dass endlich die Gleichstellung zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen vollzogen werden könnte. Die Unterbringung Behinderter in "Ghettos" war endlich nicht mehr der Wille der Politik; offenbar hatte schließlich doch noch ein Umdenken stattgefunden. Ein gemeinsames Leben von Menschen mit und ohne Behinderung in der Gesellschaft schien greifbar. Man hoffte auf die Entwicklung von Strukturen, die behinderten Menschen ein Leben in Freiheit erst ermöglichen.

Doch was passierte? Nichts!

Der weit propagierte Begriff "ambulant vor stationär" hat dazu geführt, dass staatliche Förderung für stationäre Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen (und auch für ältere Menschen) reduziert oder auch eingestellt wurden. Im Umkehrschluss werden die eingesparten Mittel aber nicht für den Aufbau ambulanter Strukturen eingesetzt. Die Mittel sollen einfach grundsätzlich eingespart werden und Menschen mit Behinderungen jetzt schlichtweg nicht mehr zugute kommen.

Auf politischer Seite ist die Ernüchterung jetzt gewaltig; der Plan geht nicht auf. Wollen doch die meisten behinderten Menschen die Einrichtungen, die von Seiten der Behindertenbewegung so verflucht werden, nicht verlassen.

Wie kann das sein?

Versuchen wir es mit einem nahe gelegenen Beispiel aus der Tierwelt: die Unterhaltung und Versorgung eines Tieres im Zoo, beispielsweise eines Bären, ist teuer - zu teuer. Was also tun? Dem Bären ein Persönliches Budget versprechen und die Tür des Käfigs öffnen? Was passiert? Nichts!

Oder wem das Beispiel aus der Tierwelt nicht gefällt: Öffnen wir einem lebenslänglich Gefangenen die Gefängnistüren. Was passiert? Nichts - hoffentlich! Und wenn doch etwas passiert, dann mit großer Wahrscheinlichkeit nichts Gutes.

Menschen sind nun mal "Gewohnheitstiere". Wenn ein behinderter Mensch sein ganzes bisheriges Leben in einer Einrichtung verbracht hat, ist er daran gewöhnt fremdbestimmt zu leben. Es ist für ihn zur Normalität geworden Frühstück, Mittagessen, Abendessen serviert zu bekommen. Dass er sich nicht entscheiden kann, ob, wann, was oder mit wem er seine Mahlzeiten einnimmt, spielt nach Jahren der Gewöhnung keine große Rolle mehr. Die Fähigkeit Entscheidungen für sein eigenes Leben zu treffen ist verloren gegangen.  

Zurück zu unserem Bären: leider ist er im Frankfurter Zoo nicht aus seinem Käfig spaziert und hat friedlich angefangen im Main nach Lachsen zu fischen. Entweder sitzt er immer noch in seinem Käfig und wartet, dass ihm das Mittagessen vorbei gebracht wird oder, im schlimmeren Fall, hat er seinen Käfig verlassen und stellt ziemlichen Unsinn an. Da hilft ihm auch das Persönliche Budget nicht...

Um wilde Tiere, die lange in Gefangenschaft gelebt haben, in die Freiheit zu entlassen, bedarf es umfangreicher Auswilderungsprogramme. Sie müssen lernen ihr schützendes Umfeld zu verlassen, Kontakt mit Artgenossen zu knüpfen, Nahrung beschaffen und vieles Andere mehr. Wenn sie ihre Gefangenschaft überwunden haben, brauchen sie immer noch über eine gewisse Zeit die Unterstützung des Menschen, wenn für sie bislang unbekannte Ereignisse eintreten. Das alles sind oft langwierige und durchaus kostspielige Aktionen, die sogar manchmal nicht gelingen. Aber was erzähle ich Ihnen? Das wissen wir doch schon selbst. Solche Geschichten haben wir schon ein Dutzend Mal im Fernsehen gesehen.

Aber nicht, dass jetzt einer kommt und sagt ich würde das den Tieren missgönnen.

Zurück zu unserem Strafgefangenen: hat der Strafvollzug in einem halbwegs zivilisierten Land stattgefunden, hat er bereits während des Absitzens seiner Strafe umfangreiche Rehabilitationsmaßnahmen erfahren, die ihn - hoffentlich - auf sein zukünftiges straffreies Leben vorbereiten sollen. Und auch nach seiner Freilassung wird darauf geachtet, dass er ein braves Leben in der Gesellschaft führt.

Und was erwarten wir nun von unseren Behinderten in den Einrichtungen? Glauben Sie, sie kassieren ihr Persönliches Budget und leben fröhlich bis an ihr - unter diesen Umständen vermutlich baldiges - Ende ?

Nein! Denn sie waren nicht nur den größten Teil ihres Lebens Gefangene, sie sind auch noch behindert!!

Leben mit Behinderung ist an sich schon eine Herausforderung.

Da sollte man nicht damit rechnen, dass ein Leben in Freiheit einfach mal so, von heute auf morgen, aus dem Handgelenk aufgenommen werden kann.

Auch hier sind "Auswilderungsprogramme" erforderlich, um auf das Leben "da draußen" vorzubereiten. Und leider hüten sich die meisten Einrichtungsträger bislang tunlichst davor, ihren Insassen diese neue Freiheit schmackhaft zu machen, verlören sie dadurch doch ihre Kundschaft. Und selbst wenn sie es täten, käme die Ernüchterung bereits nach kürzester Zeit in der Freiheit. Denn unterstützende und beratende ambulante Strukturen wurden ja aus Gründen der Einsparung bislang nicht oder nur in äußerst geringem Umfang geschaffen. Und da das Persönliche Budget, das ihnen so großzügig an die Hand gegeben wird, nicht ausreicht um Beratung und Unterstützung einzukaufen (auch wenn es im Gesetz verankert ist ), wird hier auch kein Markt entstehen die klaffende Lücke zu schließen. Nach Meinung der Sozialhilfeträger besteht bei behinderten Menschen nämlich überhaupt gar kein Bedarf nach Beratung und Unterstützung; und wenn doch, sei der Sozialhilfeträger selbst dazu in der Lage diese Beratung und Unterstützung anzubieten.

Da berät dann ein Kostenträger, für den im vergangenen Jahr die Behinderteneinrichtung noch die ultimative Lösung für behinderte Menschen gewesen ist, den gleichen Menschen nun darüber, dass jetzt das Persönliche Budget seine Probleme lösen wird.

Bleiben wir mal in der Tierwelt: da wird doch der Bock zum Gärtner gemacht.

Die Probleme von behinderten Menschen bestehen nun einmal nicht (nur) daraus, wie sie ihrer Begleitung die Kinokarte bezahlen sollen (dies ist das wohl am häufigsten bemühte Beispiel wofür ein Persönliches Budget herangezogen werden kann und darf). Die Probleme sind meist viel grundsätzlicher: Wie strukturiere ich meinen Tagesablauf; woher bekomme ich die Hilfen, die ich brauche? Oder auch tief greifender. Wie löse ich Konflikte; wie gehe ich mit Assistenz um?

Fragen, mit denen ein in Freiheit lebender Mensch sein Leben lang konfrontiert wird. Aber eben sein Leben lang. Er hatte die Zeit zu lernen damit umzugehen. Unseren Ex-Heimbewohner trifft das alles auf einen Schlag. Unvorbereitet.

Die Kostenträger sind für derlei Probleme nicht zuständig. Werden diese Fragen trotzdem an sie gerichtet, so trifft es auch sie - unvorbereitet.

Dann hören wir den Schrei der Politik nach den Selbsthilfegruppen, die solche Beratung ehrenamtlich und unentgeltlich durchführen sollen. Doch sind die aufgrund ständiger Einsparungen im Sozialbereich personell unterbesetzt und somit überfordert, also - unvorbereitet.

Gehen wir nochmals zurück zu unserem Bären. Würde der - mal vorausgesetzt, er könnte es - sich dafür entscheiden den Käfig zu verlassen? Auswilderungsprogramm aus Kostengründen gestrichen. Was bleibt, ist Lachse fangen im Main...

Ich selbst bin eine frei lebende behinderte Arbeitgeberin (Biologin - vielleicht deshalb meine gelegentlichen Ausflüge in die Tierwelt). Probleme der Auswilderung sind mir erspart geblieben. Doch Ängste vor der Zukunft habe ich auch.

Sollen die Sparprogramme die zurzeit die behinderten Menschen in Einrichtungen treffen auch auf uns frei Geborene übergreifen? Werden die paar ambulanten Einrichtungen, die uns unterstützen (denn auch wir Freien brauchen ab und zu Beratung) eingestampft werden? Es hat den Anschein, denn immer mehr Beratungsstellen müssen aus finanziellen Nöten ihre Arbeit einstellen.

Und die Kostenträger lauern auch schon. Werden gesetzliche Änderungen oder Föderalismusreform dazu führen, dass wir unsere hart erkämpfte Freiheit aufgeben müssen, aber nicht, um wie immer befürchtet, in ein Heim abgeschoben zu werden, denn die gibt es ja nicht mehr, sondern einfach aus Kostengründen an Unterversorgung eingehen...?

Die Unterstützung von behinderten Menschen kostet Geld. Egal ob stationär oder ambulant. Wenn es der politische Wille ist, stationäre Einrichtungen zu reduzieren oder sogar abzuschaffen, ist es im Grunde genommen sehr erfreulich. Nur wenn ein Pfeiler abgebaut wird, darf nicht vergessen werden einen anderen Pfeiler aufzubauen: Sonst stürzt das Gebäude ein.

Und begräbt die behinderten Menschen unter sich.

Auch eine Möglichkeit die Probleme zu lösen.

Aber das hatten wir schon. So etwas darf nie, nie, nie wieder passieren! Oder?


Heidesheim
November 2006

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