Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
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Rezensionen


Die Anklageschrift - Erkundungsfahrt durch den Pflegenotstand: Claus Fussek und Gottlob Schober schlagen AlarmBuchdeckel "Im Netz der Pflegemafia"

Eine Kommentierung des neuesten Buches

Im Netz der Pflegemafia

Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden

von Claus Fussek und Gottlob Schober

erschienen im Tagesspiegel vom 11. März 2008

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Wolfgang Prosinger

Die Regale reichen bis zur Decke. Sie sind rechts und links, sie sind hinten und vorne. Aktenordner stehen darin, stapeln sich kreuz und quer. Aktenordner voller Katastrophen. Sie tragen Aufschriften wie "Missstände 2001", "Missstände 2002", "Missstände 2004".

Es ist das Münchner Büro von Claus Fussek, dem bekanntesten und scharfzüngigsten Kritiker des deutschen Pflegesystems. In den Ordnern sammelt er, was ihm bekannt wird über Notstände in Heimen und bei ambulanten Diensten. Und ihm wird viel bekannt. Denn Fussek ist mittlerweile eine Institution. Angehörige von Pflegebedürftigen wenden sich an ihn, aber in erster Linie Mitarbeiter von Einrichtungen selbst, die – oft anonym, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten – berichten, was sie erlebt haben.

Vor drei Jahren hat Fussek einmal tief hineingegriffen in seine Aktensammlung und zusammen mit dem Journalisten Sven Loerzer daraus ein Buch gemacht, das zum Standardwerk der Pflegekritik wurde: "Alt und abgeschoben". Die Akten sind seither weiter angeschwollen, schneller noch als zuvor – weshalb Fussek nun ein neues Buch vorgelegt hat. "Im Netz der Pflegemafia" heißt es etwas reißerisch. Sein Co-Autor ist der Fernsehjournalist Gottlob Schober, auch er ein durch seine Reportagen ausgewiesener Experte in Sachen Pflege. Fast 400 Seiten sind es diesmal geworden. Es ist ein Horrortrip.

Was hier aufgezählt wird an Pflegemissständen, an Verwahrlosungen, an Lieblosigkeiten, an Erniedrigungen, an Gewaltakten, an Körper- und Menschenrechtsverletzungen ist eine harte Lektüre. Besonders beeindruckend sind jene Passagen, in denen Menschen, die in Pflegeeinrichtungen arbeiten, aus ihrer eigenen Anschauung erzählen. So etwa der erschütternde Bericht eines ehemaligen Heimleiters: Wie am Essen und am Personal gespart wird, wie Dokumente gefälscht, wie Alte mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Oder das unglaubliche Protokoll, das eine Pflegerin für eine Nachtschicht erstellt hat, in der sie ganz allein für 72 Heimbewohner zuständig war. Jede Minute ist verplant, die ganze Nacht ist ein atemloses, irrwitziges Hasten von Bett zu Bett, von einer schrecklichen Situation zur nächsten. Und diese Nacht war keineswegs eine Ausnahme, sondern ein Normalfall.

Immer wieder gibt es solche anrührenden Textstücke, häufig in Form von Interviews, die die Aufzählung der Missstände unterbrechen. Das verleiht dem Buch viel Unmittelbarkeit – und die kann es auch brauchen, laufen die Autoren doch Gefahr, den Leser gelegentlich zu überfluten mit ihrer großen, detailversessenen Kennerschaft. Dennoch ist gerade die Gründlichkeit der Recherche die höchste Tugend dieses Buchs. Fussek und Schober begeben sich auf ihrer Erkundungsfahrt durch den deutschen Pflegenotstand mitunter auf eine geradezu detektivische Spurensuche, die Respekt abnötigt und immer wieder auch spannend zu lesen ist. Die Autoren behalten dabei aber stets im Blick, welche aufopferungsvolle Arbeit in vielen Heimen von verantwortungsbewussten, engagierten Pflegerinnen und Pflegern geleistet wird. Vor ihnen, das gehört zum Anstand dieses Buchs, verneigen sie sich ganz besonders.

Dennoch: "Im Netz der Pflegemafia" ist eine Anklageschrift. Gegen schamlose, betrügerische Heimbetreiber, gegen eine Politik, die unter dem Druck der Pflegelobby nicht einmal zu den dringlichsten Reparaturen an einem maroden System in der Lage ist. Und das Wichtigste dabei: Die Autoren bleiben nicht bei der Beschreibung erschreckender Zustände stehen, sondern zeigen auf, warum das alles so ist. Pflege ist ein Milliardengeschäft: Heime, Krankenhäuser, Ärzte, Rettungs- und Pflegedienste, Pharmaindustrie und Sanitärartikelfabrikanten – sie alle verdienen daran. Und wenn einmal etwas schief geht, dann decken sie sich gegenseitig. Diese Allianzen benannt zu haben, diese mafiösen Zusammenhänge durchschaubar gemacht zu haben, ist das Verdienst von Fussek und Schober. Wobei ihre Prognose für die Zukunft allerdings düster ausfällt: "Solange an den Folgen schlechter Pflege viel Geld verdient werden kann, wird sich im Grundsatz nichts ändern".

Ein erster Schritt zu einer solchen Änderung wäre es, endlich Transparenz bei der Qualität von Pflegeheimen herzustellen. Obwohl seit Jahren darüber geredet wird, sind Prüfberichte des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen noch immer nicht öffentlich zugänglich. Der Laie kann sich kein Bild von der Güte einer Einrichtung machen. Und die hasenfüßige Mini-Reform des Pflegesystems, die das Gesundheitsministerium im vergangenen Sommer präsentiert hat, wird daran wenig ändern. Sie stellt zwar eine Offenlegung in Aussicht, gesteht den Heimen jedoch Mitwirkung dabei zu. Es bedarf keiner großen Fantasie, um sich vorzustellen, wie viel solche Berichte dann noch wert sind. Auch beim gröbsten Unfug wird sich in Zukunft nicht allzu viel bessern: Noch immer werden in fast allen Bundesländern Heime meist nach vorheriger Anmeldung kontrolliert. Eine heimliche Aufforderung zum Betrug – der auch gerne Folge geleistet wird, wie Fussek und Schober aufdecken: Schnell werden Personalbestände aufgefüllt, Dokumentationen umgeschrieben, und die Alten frisch gewaschen, wenn die Prüfer vom Medizinischen Dienst anrücken.

Die Autoren geben diesem Thema besonders viel Raum. Denn es ist das Erste, was geändert werden müsste. Und man darf zu Recht den Kopf darüber schütteln, dass es derlei noch immer gibt. Was wäre eine Lebensmittelkontrolle nach vorheriger Ankündigung wert? Natürlich nichts. Warum ist das bei der Pflege anders?

Fussek und Schober sind über das Stadium des Kopfschüttelns und der Fassungslosigkeit längst hinaus. Sie sind wütend, und sie sagen das auch. Mitunter schäumt die Welle ihres Zorns ein bisschen heftig auf. Aber genau das macht dieses Buch auch sympathisch. Es ist keine akademische Studie. Es will etwas, es schlägt Alarm, es kämpft.

Ob das Buch den Weg in die Politik findet? Etwa gar ins Gesundheitsministerium? Das wäre erfreulich. Man müsste dann einen Skandal zur Kenntnis nehmen – an dem man beteiligt ist.

Claus Fussek, Gottlob Schober: Im Netz der Pflegemafia. Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden. C. Bertelsmann, München 2008, 399 Seiten, 14,95 Euro.

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Von A wie Antragsstellung bis Z wie Zielvereinbarung
Das Persönliche Budget - Ein Handbuch für Leistungsberechtigte

Titelbild des Handbuches "Das Persönliche Budget - Ein Handbuch für LeistungsberechtigteSeit dem 01.07.2004 ist es möglich, nach dem Sozialgesetzbuch IX und SGB XII bundesweit das Persönliche Budget als neue Form der Leistungserbringung zu beantragen. Damit werden die Geldleistungen direkt den Leistungsberechtigten zur Verfügung gestellt und nicht wie bisher über dritte Leistungserbringer. Doch die Zahl der Budgetnehmer ist nach wie vor verhältnismäßig gering, denn es herrschen große Verunsicherungen auf Seiten aller Beteiligten.

In dieser aktuellen politischen Diskussion erscheint das Handbuch, herausgegeben von ForseA mit Unterstützung der Deutschen Rentenversicherung Baden Württemberg, zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Der Aufbau von A wie Antragsstellung bis Z wie Zielvereinbarung ist übersichtlich, detailgenau und nachvollziehbar. Die Gestaltung ist sehr ansprechend. Das Handbuch ist für jeden wichtig, der sich auf Grund seiner Behinderung mit der Frage beschäftigt, sein Leben eigenständig und selbstbestimmt mit der Unterstützung zu organisieren, die seinem wirklichen Bedarf entspricht.

Mit bewundernswerter Besonnenheit und Neutralität erklärt Elke Bartz die Befürchtungen und Anliegen aller Beteiligten, vom Leistungsberechtigten bis zum Leistungserbringer. Doch an manchen Stellen wünscht man sich von der sonst so kämpferischen Elke Bartz mehr Parteilichkeit für die Budgetnehmer, denn manche Fragen und Forderungen wie z.B. Bedarfsdeckung oder einkommensunabhängige Assistenz sind noch immer nicht zufrieden stellend geregelt.

Das Ziel des Handbuches ist es, eine persönliche Entscheidungshilfe für oder gegen eine Beantragung des Persönlichen Budgets zu sein. Und dies gelingt allemal, denn das Handbuch gibt sehr gute Informationen an die Hand.

Doch die Beantragung des Persönlichen Budgets bleibt weiterhin sehr komplex und selbst die Leistungserbringer haben noch wenige Erfahrungen mit dem Verfahren. Daher stimme ich Elke Bartz zu, dass eine kompetente Beratung auch weiterhin erforderlich bleibt. Die Broschüre führt dafür eine sehr gute Beratungsadressenliste auf.

Gratulation zum Gelingen dieser Broschüre, sie zeichnet sich durch hohen Sachverstand aus. Darüber hinaus lebt das Handbuch von dem Herzblut und der Ausdauer, mit der Elke Bartz die Idee und die Umsetzung vom Persönlichen Budget voranbringt.

Eileen Moritz

(Erschienen in "WIR", dem Magazin der Fürst Donnersmarck-Stiftung, Ausgabe 2/2006)

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Mittendrin leben – auf dem Weg in eine Bürgergesellschaft

Titel des Buches: Leben und Sterben, wo ich hingehöreGedanken zu Prof. Dr. Dr. Klaus Dörners Buch „Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem“, Paranus Verlag, Edition Jakob van Hoddis, Neumünster 2007, ISBN 978-3-926200-91-4

Die Hilfe ist wieder hin zum Menschen zu bringen. Passé soll endlich die über hundert Jahre größtenteils institutionalisierte, vom Leben der Bevölkerung abgetrennte Hilfe sein.

Anders ausgedrückt: "das Heim (was hilfreich daran ist) in die Wohnung", also in den natürlichen Lebensraum zurückholen. Das ist Klaus Dörners langjähriges Credo vom Aufbruch der Heime und der Deinstitutionalisierung.

In seinem neuesten Buch beschreibt er nun, wie dieses Leben von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf in einem dritten Sozialraum zwischen Privatem und Öffentlichem, einem nachbarschaftlichen Hilfesystem in der Gemeinde gelingen und eine dauerhafte Zukunftsperspektive haben kann. Voraussetzung hierfür sei verstärktes bürgerschaftliches Engagement.

Dörner setzt dabei auf eine Entwicklung von unten nach oben und führt die altbewährte Historikererkenntnis an, dass etwas inhaltlich Neues in der Regel nicht von oben, sondern nur von unten kommen kann. Diese Beweisführung zelebriert er geradezu in schönster  Hegelscher Dialektik:

  1. Das Hilfesystem der Moderne hat sich zunächst – wie auch immer – bewährt: Der Staat finanzierte aus Steuergeldern der Bürger das hauptsächlich von Wohlfahrtsverbänden und deren Profis  betriebene weitgehend institutionalisierte Hilfesystem, so dass sich die Gesellschaft selbst ohne Zeitverlust und allzu drückender Gewissensbelastung der Erwerbstätigkeit sowie den (gesunden) Familienmitgliedern widmen und ansonsten die Zeit nach Gutdünken verwenden konnte. Dumm gelaufen ist, dass dieses System aber bei stetig wachsender Zahl von Hilfebedürftigen und einer Verteuerung der Leistungen schließlich unbezahlbar wurde.
  2. In einem letzten vergeblichen Aufbäumen unterwarf sich das institutionalisierte Hilfesystem der Ökonomisierung unter Einbeziehung marktwirtschaftlicher Mechanismen und Regulativen und machte aus Schutzbefohlenen Kunden. Hilfe orientierte sich am betriebswirtschaftlich Kalkulierbaren. Verlierer sind die Menschen, die in den Heimen leben („Bewohner“) und arbeiten (Personal, denn es trägt die größte Last). Das Heim machte sich selbst zum Auslaufmodell. Dem Staatsversagen - nach dem Rückzug aus der Steuerung des Gesundheits- und Sozialwesens – folgte das Marktversagen durch Hineinrutschen in die Rationalisierungs- und Effizienzfalle.
  3. Die Schaffung eines sog. dritten Sozialraums zeichnet sich als goldene Mitte ab, wobei es sich dabei um mehr als einen Kompromiss zwischen diesen Extremen handelt.

    In einer jetzt schon in der gesamten Bundesrepublik feststellbaren neuen solidaritätsorientierten Bürgerbewegung holt die Gesellschaft ihre ausgegrenzten Mitbürger in das Stadtviertel oder die Dorfgemeinschaft zurück bzw. setzt sie nicht länger der Sogwirkung von Heimen aus.
    Die hilfebedürftigen Menschen verbleiben im familiären Haushalt oder in den verschiedensten Wohn- und Lebensformen, die über Initiativen der Nachbarschaft, Freunde, Mitbürger in Kommune und Kirchengemeinden unter Mitwirkung der Sozial-Profis organisiert und betrieben werden.

Ja, taucht die Frage auf, geht denn das? Wer bringt denn unsere Gesellschaft und wie zu einem solch tiefgreifenden Dienst am Nächsten, der eine echte Bürgergesellschaft voraussetzt? Obwohl diese solidaritätsorientierte Entwicklung zwar in der öffentlichen Meinung so gut wie gar nicht vorkommt, weiß Dörner von zahlreichen Beispielen in allen Bereichen zu berichten, und dies schon seit Beginn der 80er Jahre. Er verweist auf die steigende Zahl der Freiwilligen, auf eine Zunahme von Nachbarschaftsvereinen und Selbsthilfegruppen (die er als „vierte Säule im Gesundheitswesen“ bezeichnet), auf die wachsende Spendenbereitschaft der Bürger und auf „eine  immer größer und phantasievoller werdende Fülle an Gelegenheiten, wie Bürger ohne jeden sozialprofessionellen Hintergrund in unterschiedlichen biografischen Situationen (als soziale Zuverdiener) … helfende Tätigkeiten übernehmen, für die sie auch anteilig bezahlt werden“. Und irgendwann mögen es dann so viele sein, dass er Beispiele nicht mehr in Fußnoten mit der Adressangabe namentlich benennen kann.

Es geht Dörner keineswegs um eine Abschaffung professioneller Hilfe. Professionelle Hilfe soll sich aber an den Interessen und Bedürfnissen der Betroffenen orientieren und nicht vornehmlich an professionellen Interessen. Die Verlässlichkeit der Hilfen, die von den Profis ausgehen kann, muss auch weiterhin gewährleistet sein. Hier kann man gut von der emanzipatorischen Behindertenbewegung lernen, und Dörner weist darauf hin.

Dörner sieht mit viel Optimismus im Gegensatz zu anderen das Glas eben „schon halbvoll“. Bedenkenträger könnte man auf Johannes 4, 29 verweisen, kommt er doch bereits in seiner „Gebrauchsanweisung“ zu Beginn des Buches neutestamentarisch (oder gorbachevesk): „Wehe den Profis, die daran vorbeigehen, sie bestraft das Leben“.

Nun, so ganz freiwillig wird das alles auch nach Dörners Ansicht nicht gehen. Er bemüht Hegel mit seiner Definition von Freiheit im Sinne von (zähneknirschender) „Einsicht in die Notwendigkeit“: Wir helfen uns gegenseitig, sparen uns eine Menge Geld und investieren, jeder an seinem Platz oder nach seinen Möglichkeiten, ein bisschen Zeit. Der Sozialprofi und der Sozialstaat bleiben dabei keineswegs außen vor. Sie gehen vielmehr mit den Bürgern eine Liaison des Gebens und Nehmens ein, orientiert an den gegenseitigen Interessen und der jeweiligen Nachfrage.

Die heftigste Gegenwehr erwartet Dörner wohl von denen, die am weitesten vom „eigentlichen Geschehen“, vom community living entfernt sind. Je hochrangiger die Vertreter der Politik oder die Interessenvertreter, desto eindeutiger werden sie möglicherweise gegen eine Veränderung sein. Dagegen je bürgernäher, desto verständnisvoller und zur Mitwirkung bereit.

In seiner Argumentation und Beweisführung ist er der alte Bilder- und Begriffestürmer geblieben, der sich nicht scheut, heilige Kühe zu schlachten und dabei den entsetzten Profis, Funktionären und selbst ernannten Experten wie einst Proudhon sein Destruam et aedificabo entgegenschleudert.

Das wird diesmal wie seinerzeit bei der „Geiselnehmer-Debatte“ wieder heftige Kritik hageln. In zwei Punkten, die er nur en passant an- bzw. niederreißt, ist die Kritik auch berechtigt. So will Dörner am liebsten Lebensqualität und auch Teilhabe (ein Schlüsselbegriff des SGB IX) aus unserem Vokabular streichen. Als ob er nicht wüsste, wie schwierig es geworden ist, Lebensqualität (nämlich die der Menschen in Heimen) gegen einen bürokratisch-technokratischen Qualitätsbegriff zu behaupten, der hauptsächlich im Interesse der formalen Organisation zur Reduzierung von Kosten verwendet wird.

Teilhabe (also Partizipation) wiederum sei sowieso ein „ganz schlampiges Wort“, ein „ersatzlos zu streichender“, in unserer Sprache kaum gebräuchlicher „Fehlbegriff“ (und das bei über 2,5 Millionen Einträgen bei Google) und entpolitisiere die Betroffenen. Da reibt man sich die Augen, schlägt erneut bei Hegel, diesmal zu dessen Politikidee Partizipation nach und liest, dass Partizipation (auf eine knappe Formel gebracht) die wechselweise sich durchdringende Beteiligung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat, also wie zwischen staatlichen Gewalten, darstellt.

Aber diese eingestreuten roten Tücher machen die Lektüre eben auch spannend. Zudem sind die knapp 200 Seiten geradezu süffig zu lesen, auch für Interessierte, die nicht zu den sog. Sozialprofis zählen und einfach nur wissen wollen, was in ihrem Leben und dereinst Sterben zur Auswahl steht. Dörner informiert den Leser ohne großes professorales Gehabe und wenig Fachkauderwelsch. Wer ihn kennt, der sieht ihn bei der Lektüre vor sich und hört ihn sprechen: seine Rede ist seine Schreibe!

Dem Dr. phil. (mehr noch als dem Dr. med.) ist es jedenfalls einmal mehr gelungen, unsere Zeit, die eine Zeit der Veränderung ist, in nachvollziehbare Gedanken zu fassen und in bewundernswerter Weise der Gegenwart und den sich abzeichnenden Entwicklungen Ausdruck zu verleihen. Bleiben wir jetzt bei Hegel und drehen ihm in Dörnerscher Manier eine Nase:

Was vernünftig ist, das sollte wirklich sein; und was dann wirklich ist, das ist auch vernünftig.

Möge aus dem nun deutlich sichtbaren Silberstreif am Horizont die Bürgergesellschaft mit echten citoyens (politischen Bürgern) entstehen, in der die Beteiligten im Geben und Nehmen „Bedeutung für den anderen“ (einer der schönsten Begrifflichkeiten des Bilderstürmers) erleben. Und möge Klaus Dörner, der inzwischen 73 Jahre jung geblieben ist, später, im Methusalem-Alter ein Buch in Anlehnung an den Bericht „Rückblick auf die Deinstitutionalisierung“ schreiben mit dem Titel „Vom Geiselnehmer zum solidarisch-stabilisierenden Profi in der Gemeinde. Rückblick auf den mühevollen Weg zum dritten Sozialraum“.

Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Aber: „the person who says it cannot be done should not interrupt the person doing it“. Lieber Klaus Dörner, viele werden mitmachen!

Würzburg, 11. April 2007

Claus Völker

Mitglied beim Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen – ForseA e.V. und beruflich zuständig für Fragen des Heimrechts und der Heimaufsicht bei der Regierung von Unterfranken

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