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Weihnachtsgeschichten » 2007 Der Wunschzettel

Der Wunschzettel

Portrait des WeihnachtsmannesEs ist wenige Wochen vor Weihnachten. Der Weihnachtsmann hat seine vielen Gehilfen um sich versammelt, darunter auch einige Engel. Sie sitzen in einem großen Kreis. Mitten in diesem Kreis stehen riesige rote und goldene Kisten. Aus ihnen quellen unzählige bunte Karten und ebenso bunte Briefumschläge hervor.

Portrait des WeihnachtsmannesWunschzettel sichten ist angesagt. So wie in jedem Jahr treffen tausende und abertausende von ihnen im Himmel ein. Und wie in jedem Jahr werden sie rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest vom Weihnachtsmann und seinen Helfern gelesen und sortiert. Schließlich muss ja jeder wissen, welche Geschenke er dem jeweiligen Kind am Heiligen Abend unter den Weihnachtsbaum zu legen hat. Da heißt es, rechtzeitig zu planen, damit die Schlitten pünktlich gepackt werden können. Nicht zuviel darf es sein, damit die Rentiere nicht ins schnaufen kommen, aber auch nicht zu wenig darf aufgeladen werden. Schließlich soll jedes Kind seine Päckchen pünktlich erhalten.

Portrait des Weihnachtsmannes"Puh", sagt der Weihnachtsmann. "Das gibt eine Menge Arbeit. Eigentlich seltsam, es gibt eigentlich gar nicht mehr Kinder als früher. Aber ich habe das Gefühl, die Wunschzettel werden immer länger und die Wünsche immer größer". Die anderen nicken zustimmend. Ein Engel mit einer leicht zerzausten linken Flügelspitze (die hat er sich beim Hineinhuschen durch das sich schließende Himmelstor geholt, weil er mal wieder ziemlich spät dran war), greift sich einen der Umschläge und zieht daraus einen Wunschzettel. Auf dem sind ein mit Buntstiften bemalter Schneemann und ein Schlitten, der von acht Rentieren gezogen wird, zu sehen.

Wünsche

Portrait des WeihnachtsmannesDer Engel, Aloisius heißt er, sieht sich den Brief an. Er seufzt: "Weihnachtsmann du hast Recht. Hört euch mal an, was der kleine Leon sich alles wünscht: einen MP 3-Player, einen Computer mit mindestens fünf Spielen, eine neue Markenjeans und dazu passende Turnschuhe, einen DVD-Recorder …". - Das hört ja gar nicht mehr auf, meint ein kleiner Engel mit leuchtend roten Haaren kopfschüttelnd.

Portrait des WeihnachtsmannesDie anderen greifen auch in die Kisten, ziehen Wunschzettel hervor und beginnen zu lesen. "Hier, der kleine Peter wünscht sich unbedingt ein neues Handy, natürlich mit Fotoapparat und noch einigem Schnickschnack, obwohl er erst vor acht Monaten eines zu seinem Geburtstag bekommen hat…". "Ja, und die zehnjährige Lisa, will unbedingt zu ihrem Computer ein Laptop, damit sie auch draußen mit ihren Freundinnen chatten kann", seufzt ein anderer Gehilfe des Weihnachtsmannes. Sie lesen einen Wunschzettel nach dem anderen. Auch darauf sieht es nicht anders aus. Handys, Computer, MP 3-Player, DVD-Recorder, Spielekonsolen, Markenkleider, aber kaum mal ein Buch oder ein Spiel, das man mit anderen gemeinsam spielen kann, steht auf den Wunschzetteln.

Portrait des WeihnachtsmannesPlötzlich stutzt Engel Aloisius, der gerade wieder einen neuen Wunschzettel aus der goldenen Kiste gezogen hat. Die anderen schauen auf. "Was ist denn? Stimmt was nicht?" Aloisius atmet tief durch. "Hört euch das mal an. So einen Wunschzettel hatte ich noch nie". Es wird ganz ruhig in der Runde, als Aloisius zu lesen beginnt: "Lieber Weihnachtsmann, ich heiße Benjamin und bin acht Jahre alt. Ich lebe mit meiner Mama in der kleinen Stadt am Fluss. Einen Papa haben wir nicht mehr. Zu Weihnachten wünsche ich mir so sehr einen neuen Elektrorollstuhl. Mein alter Rollstuhl ist ständig kaputt. Die von Fachgeschäft sagen, das ist wohl ein 'Montagsmodell', das irgendwelche Macken hat. Außerdem kann ich nicht mehr richtig in ihm sitzen, denn ich bin im vergangenen Jahr ziemlich gewachsen. Deshalb drückt die Sitzschale so, dass ich ganz viel Schmerzen habe, wenn ich nur eine Stunde darin sitze. Jetzt habe ich nur noch einen Schieberollstuhl, den ich nicht alleine fahren kann, weil ich keine Kraft mehr dazu habe.

Portrait des WeihnachtsmannesImmer muss ich jemanden fragen, damit er mich schiebt. Und meine Mama hat auch so schon genug mit ihrer Arbeit, mit mir und meiner Pflege und dem Haushalt zu tun. Die ist immer so müde. Die kann ich doch auch nicht immer fragen, wenn ich in einen anderen Raum oder sogar mal nach draußen möchte. Außerdem ist auch der Schieberollstuhl eigentlich auch schon längst zu klein.

Portrait des WeihnachtsmannesManchmal ist Mama noch nicht von der Arbeit zurück, wenn ich mit dem Fahrdienst aus der Schule komme, weil sie Überstunden machen muss. Wir brauchen das Geld dringend, sagt Mama immer. Der Fahrer hilft mir dann zwar ins Haus und zieht mir sogar die Jacke aus. Aber dann stehe ich an einem Fleck und kann mich nicht rühren, bis meine Mama endlich von der Arbeit kommt.

Portrait des WeihnachtsmannesUnd demnächst ziehen wir in einen anderen Stadtteil um. Dann komme ich auch in eine neue Schule. Davor hab ich jetzt schon Bammel, denn ich weiß nicht, wie die anderen Kinder dort sind. Und ohne Elektrorollstuhl kann ich mich ja gar nicht alleine bewegen und mit den anderen spielen. Hoffentlich finde ich immer jemanden, der mich schiebt. Ich weiß gar nicht, wie es weiter gehen soll.

Portrait des WeihnachtsmannesLieber Weihnachtsmann, meine Mama hat gesagt, dass sie einen Antrag auf einen neuen Rollstuhl bei der Krankenkasse gestellt hat. Aber der wäre zu teuer, hat die Krankenkasse in einem Brief, ich glaube der heißt Bescheid, geschrieben. Schließlich hätte ich erst vor zwei Jahren einen neuen Rollstuhl bekommen. Aber da war ich doch erst sechs Jahre alt und noch viel kleiner. Und jetzt weiß ich nicht weiter. Eigentlich wollte ich mir von dir, lieber Weihnachtsmann, ein paar Bücher und ein ferngesteuertes Spielzeugauto wünschen. Aber jetzt wünsche ich mir lieber einen neuen Rollstuhl. Sonst muss ich Weihnachten im Bett liegen, weil ich nicht so lange sitzen kann. Ich weiß auch nicht, ob ich nach den Ferien dann überhaupt noch in die Schule gehen kann, wenn ich vom alten Rollstuhl Druckstellen bekomme, die furchtbar wehtun. Ich hab jetzt schon immer so komische rote Stellen am Po, sagt meine Mama".

Portrait des WeihnachtsmannesAloisius hält einen Moment inne. Auch die anderen sind mucksmäuschenstill. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Aloisius atmet einmal tief durch. "Ich lese euch eben noch den Rest vor", meint er. "Lieber Weihnachtsmann, tut mir Leid, dass mein Brief an dich so lang geworden ist. Du hast vor Weihnachten bestimmt genug zu tun, denn es gibt ja noch ganz viele andere Kinder, die dir bestimmt auch einen Wunschzettel schreiben. Aber ich musste dir doch erklären, warum ich mir so etwas Teueres wie den Rollstuhl wünsche. Und du bist meine letzte Hoffnung".

Portrait des WeihnachtsmannesAloisius blickt in die Runde. Seine Stimme hatte beim Vorlesen irgendwie einen komischen Klang bekommen. So, als wenn er einen Frosch verschluckt hätte. Nach einer kurzen Pause, in der es vollkommen ruhig war, kommt plötzlich Gemurmel auf. "Da müssen wir doch helfen", und: "Da können wir doch nicht einfach zuschauen", sagen der Weihnachtsmann und seine Helfer.

Portrait des WeihnachtsmannesPlötzlich beginnt Aloisius zu strahlen: "Lasst mich mal machen. Da ich den Wunschzettel aus der Kiste gezogen habe, bin ich ja dafür verantwortlich. Und ich hab da so eine Idee…".

Einige Tage später auf der Erde, in der kleinen Stadt am Fluss

Portrait des WeihnachtsmannesEs ist Mittagszeit. Im Esszimmer ist der Tisch gedeckt und die Spagetti mit Tomatensoße dampfen schon in der Schüssel. "Wo Steffi nur bleibt. Die müsste doch schon längst da sein", sagt die Mutter zum Vater. Die beiden sitzen schon am Tisch. Rummmms, die Haustür fliegt ins Schloss und der Schulranzen in die Ecke des Flurs. "Steffi geh schnell die Hände waschen, wir warten schon auf dich. Die Nudeln werden sonst kalt", ruft die Mutter. Steffi verschwindet im Bad, flitzt aber schon nach zwei Minuten herein. "Tut mir Leid, dass ich so spät bin, aber ich habe unseren neuen Klassenkameraden nach Hause begleitet. Der kennt sich noch nicht so gut aus". "So, ihr habt einen Neuen in der Klasse. Wie ist denn der so?", fragt die Mutter. "Toootal nett", schwärmt Steffi. "Und in Mathe ist er sogar viel besser als ich. Der hat schon gesagt, dass er mir hilft, wenn ich mal nicht weiter weiß", erzählt Steffi, während sie sich eine große Portion Spagetti auf den Teller packt. "Und außerdem wohnt er nur ein paar Häuser weiter in dem Haus, aus dem die Müllers vor kurzem ausgezogen sind".

Portrait des Weihnachtsmannes"Na, dann lade ihn doch mal ein, wenn er sich ein bisschen eingelebt hat, damit wir ihn auch mal kennen lernen", meint der Vater. "Hmmm, das geht nicht so einfach", sagt Steffi und kräuselt die Stirn. "Wieso nicht?", fragt die Mutter. "Also das ist so, der Benjamin sitzt im Rollstuhl, weil er nicht mehr laufen kann. Er hat eine Muskel…, eine Muskeldyhophobie". "Muskeldystrophie", korrigiert der Vater. "Ja stimmt", bestätigt Steffi. "Ja, aber deshalb kann er doch zu uns kommen", wundert sich die Mutter. "Bei uns gibt’s doch keine Stufen. Und selbst das Bad ist müsste groß genug sein, falls er mal muss".

Portrait des Weihnachtsmannes"Neee, sagt Steffi: "Das ist nicht das Problem. Stellt euch bloß mal vor, wenn Benjamin nach Hause kommt, muss er sich erst einmal hinlegen. Sein Rollstuhl und seine Sitzschale sind viel zu klein und drücken. Darum hat er ganz viele Schmerzen, wenn er eine Weile darin sitzt". Steffi sieht betrübt aus. "Seine Mutter hat vor einiger Zeit wohl einen Antrag auf einen neuen Elektrorollstuhl bei der Krankenkasse gestellt. Aber der Mann, der dort arbeitet, hat geschrieben, dass Benjamin noch keinen neuen Rollstuhl bekommt, weil der alte erst zwei Jahre alt ist. Dass der sich nicht schämt, sowas zu schreiben. Benjamin soll noch mindestens ein Jahr in dem alten Rollstuhl sitzen. Ich finde das furchtbar. Ich stell mir vor, ich müsste mit den Schuhe, die ich vor zwei Jahren getragen habe, heute noch rumlaufen. Wie das wohl wehtun würde".

Portrait des WeihnachtsmannesSteffi schaut ihren Vater nachdenklich an: "Sag mal Papa, du arbeitest doch auch bei einer Krankenkasse. Du würdest doch so einen Antrag bestimmt niemals ablehnen. Das ist doch unmenschlich, oder wie das heißt". Sie denkt laut nach: "Ob ich mir wohl dieses Jahr Geld zu Weihnachten wünschen soll? Davon könnte ich dann einen neuen Rollstuhl für Benjamin kaufen? Aber das reicht wahrscheinlich nicht". Steffi senkt traurig den Kopf.

Portrait des WeihnachtsmannesWährend sie so überlegt, wie sie Benjamin helfen kann, hat sie den Kopf über den Teller gebeugt und eine große Gabel voller Spagetti in den Mund geschoben. Deshalb entgeht es ihr, das ihr Vater plötzlich so ein komisches rotes Gesicht bekommen hat und sich räuspert. Schnell wechselt er das Thema und fragt Steffi, ob sie überhaupt schon ihren Wunschzettel für den Weihnachtsmann geschrieben hat. Schließlich ist es nicht mehr sehr lange hin bis Weihnachten. Steffi nickt mit vollem Mund.

Gute Nachrichten

Portrait des WeihnachtsmannesEin paar Tage später auf dem Schulweg. Wie jeden Morgen begleitet Steffi ihren neuen Freund Benjamin. "Mensch Steffi, stell dir vor: gestern kam ein Brief von der Krankenkasse. Ich bekomme meinen neuen Rollstuhl doch noch. Und wenn ich Glück habe, wird er sogar noch bis Weihnachten geliefert. Das haben die Leute vom Geschäft, das den Rollstuhl liefert, meiner Mama gestern schon am Telefon gesagt. Und heute Nachmittag, nach der Schule kommt jemand, der die neue Sitzschale anmessen wird, damit das auch noch vor Weihnachten klappt. Das wird mein schönstes Weihnachtsfest überhaupt". Benjamin strahlt über das ganze Gesicht; und seine Wangen sind nicht nur von der Kälte ganz rot. "Dann kannst du mich auch bald besuchen kommen", freut sich Steffi. "Dann lernst du auch meine Mama und meinen Papa kennen. Die sind nämlich ganz toll, eigentlich die besten Eltern der Welt. Sie freuen sich auch schon darauf, dich kennen zu lernen". Benjamin grinst: "Vergiss meine Mama nicht!".

Portrait des WeihnachtsmannesBeim Mittagstisch erzählt Steffi ihren Eltern ganz aufgeregt von der guten Nachricht. Sie sieht nicht, wie ein leichtes Lächeln über das Gesicht ihres Vaters huscht. "Jetzt kann ich mich erst richtig auf Weihnachten freuen", sagt Steffi. "Ich habe immer daran denken müssen, wie traurig es gewesen wäre, wenn Benjamin an Weihnachten im Bett gelegen wäre".

Heilig Abend

Portrait des WeihnachtsmannesDie Geschenke sind verteilt. Manche sind schon ausgepackt; andere liegen noch unter den Weihnachtsbäumen und warten darauf, ihre künftigen Besitzer zu erfreuen. Der Weihnachtsmann und seine Gehilfen sitzen wie vor einigen Wochen im Kreis. Zufrieden blicken sie auf die Erde und freuen sich an der Freude der Kleinen und der Großen, die gerade aus der Kirche gekommen, oder bereits am Abendbrottisch bei leckerem Essen sitzen, oder sich mit dem Auspacken ihrer Geschenke beschäftigen.

Portrait des Weihnachtsmannes"Seht mal hier", sagt Engel Aloisius plötzlich und deutet auf ein Haus in der kleinen Stadt am Fluss. Alle recken die Hälse. In dem Haus steht ein mit roten und goldenen Kugeln und vielen Strohsternen geschmückter Weihnachtsbaum. Davor sitzen ein kleiner Junge in einem niegelnagelneuen Elektrorollstuhl und seine Mutter. Mit glänzenden Augen packt der Junge gerade zwei Bücher aus. Ein Auto, das er vom Rollstuhl aus mit der Fernbedienung selbst lenken kann, steht bereits ausgepackt neben ihm. "Mensch Mama, so ein tolles Weihnachten. Ein neuer Rollstuhl, eine neue Wohnung, eine neue Freundin und dann sogar noch Geschenke. Das hätte ich nie gedacht", strahlt ein glücklicher Benjamin seine Mutter an. Und die lächelt und wischt sich ganz verstohlen eine klitzekleine Träne aus dem Augenwinkel.

Portrait des Weihnachtsmannes"Na, wie habe ich das gemacht?", fragt ein stolzer Engel Aloisius in die Runde. "Jetzt können auch wir beruhigt das Weihnachtsfest feiern".

Elke Bartz (†)
Weihnachten 2007

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