Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.


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Leben im Heim

INFORUM: Ausgabe 3/2002

Leben im Heim

Referat von Claus Völker

anlässlich einer Schulung von Mitarbeitern in der Heimaufsicht

Kein Mensch will ohne Not in ein Heim umziehen. Jeder, der nicht in einem Heim lebt und über Heime redet, sollte mal versuchen, sich in einen Heimbewohner hinein zu denken und sich in ihn einzufühlen.

Stellen Sie sich - auch wenn's Ihnen schwer fällt - vor, aufgrund eines Unfalles müssten Sie zum nächsten Monatsersten in ein "Heim für Körper- und mehrfach Behinderte" ziehen:

  • Alleine können Sie ohne Assistenz nicht leben.
  • Die Kosten eines Lebens in der eigenen Wohnung mit notwendiger Unterstützung ist für Sie zu teuer. Das geben Ihr Einkommen und Ihrer Ersparnisse nicht her. Der Sozialhilfeträger hat die Übernahme der errechneten Kosten abgelehnt. Ihr Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid wurde als unbegründet zurückgewiesen. Auch das Verwaltungsgericht hat Ihrer Klage nicht stattgegeben. Sie haben resigniert und legen keiner Berufung beim nächst höheren Gericht ein, weil Sie nicht daran glauben, dass dort für Sie anders und positiv entschieden wird.
  • Die Familie ist völlig überfordert und fühlt sich auch so. Als Ausweg wird nur noch ein Heim gesehen.
  • Und nehmen wir an, es ist ein durchschnittliches Heim, das nicht weiter auffällt, weder positiv durch besonders engagierte Mitarbeiter, noch negativ durch irgendwelche Schlagzeilen ("Dekubitus" usw.).

Die Heimaufnahme signalisiert Ihnen, dass es zunächst oder überhaupt kein Zurück mehr gibt.

Der Heimaufenthalt ist meistens noch immer - anders als in Krankenhäusern oder im Gefängnis - nicht zeitlich befristet, sondern geht in Richtung lebenslängliches "open end".

Sie müssen sehr viel aufgeben, was bisher Ihr Leben ausgemacht hat. Überlegen Sie bitte, was Ihnen besonders schwer fallen würde, z.B.

  • Sie müssen die eigene Wohnung aufgeben.
  • Sie haben nur noch ein Zimmer (evtl. mit Nasszelle).
  • Sie haben keinen eigenen Schlüssel (das Zimmer lässt sich von innen durch Drehknopf schließen), das Personal hat aber jederzeit Zugang (auch wenn die Höflichkeit durch Anklopfen gewahrt wird).
  • Es gibt eine feste Ordnung für den Tagesablauf, die sich nach dem Dienstplan richtet.
  • Es gibt feste Essenszeiten.
  • Sie haben nicht mal einen eigenen Kühlschrank (wo wollen Sie den auch in einem 12 qm kleinen Zimmer aufstellen?).
  • Sie essen jetzt immer mit anderen zusammen.
  • Sie leiden an Einschränkungen in Ihrer Freizeit (mit Ihrer schönen Modelleisenbahn können Sie nicht mehr spielen; wo wollen Sie die denn aufbauen ?).
  • Sie haben viel weniger Platz für private Sachen (Sie können nur einen Bruchteil Ihrer lieb gewonnenen Habe mitnehmen).
  • Ihr Freundeskreises hat sich verändert. Manchmal denken Sie, es gibt überhaupt keine wahren Freunde.
  • Besuche werden geringer.
  • Sie dürfen Ihren Hund nicht mitnehmen.
  • Beim Verlassen des Heimes müssen Sie sich abmelden und bei der Rückkehr wieder anmelden.
  • Es wird Buch über Sie geführt (sog. Dokumentation).
  • Sie haben das Gefühl, dem Personal irgendwie ausgeliefert zu sein.

Vielleicht ist es ein Heim, in dem man meint, man müsse noch mit weißen Kitteln herumlaufen. Zumindest muss man sich irgendwie arrangieren. Sie wissen ja, dass Sie deren Unterstützung brauchen.

Auch bei der Intimpflege nimmt man - aus zeitlichen Gründen und Gründen des Dienstplanes - auf Ihren Wunsch, nicht vom andern Geschlecht gepflegt zu werden, keine Rücksicht. Vieles an Lebensqualität bleibt auf der Strecke!

Stellen Sie sich weiter vor: Sie leben nicht mehr im Umfeld Ihrer Familie, Dafür spricht jetzt die Heimleiterin von "großer Familie".

Das kennt man ja. Wenn ein Leiter, ein Vorgesetzter schon von "großer Familie" spricht, zuckt man immer zusammen. Man überlegt, welchen Part man da wohl einnimmt. Sicher nicht den des Haushaltsvorstandes. Eher der kleinere Bruder oder die kleinere Schwester, der/die um jeden Zollbreit kämpfen, tricksen und betteln muss.

"Du musst!" "Du sollst nicht!" "Du darfst nicht!" "Später! Jetzt hab' ich keine Zeit für Dich." "Du hast immer Sonderwünsche!"

oder:

"Heute hast Du aber brav Deinen Spinat gegessen!" "Wenn Du den Rest des Tages brav in Deinem Zimmer spielst und dann fein aufräumst, lese ich Dir heute Abend vielleicht eine Geschichte vor."

Glauben Sie bloß nicht, in den meisten unserer Heime läuft das viel anders ab. Das Heim kann - trotz mancher Ähnlichkeiten - die positiven Merkmale einer Familie nicht ersetzen: Dieses natürlich gewachsene Zugehörigkeitsgefühl, die Bindungen und der Zusammenhalt der eigenen, vertrauten Familie sind etwas gänzlich anderes als das notwendige Arrangement im Heim.

Das Heim kann bestenfalls eine Art schützende Gemeinschaft sein, kann etwas Geborgenheit und Sicherheit vermitteln, mit unterschiedlicher Rollen- und Aufgabenverteilung.

Einige Beispiele:

  • Sie werden - ohne gefragt worden zu sein ("bei uns ist das halt so") - geduzt, beim Vornamen genannt.
  • Sie kriegen die Medizin von der Schwester und werden wie ein unmündiges Kind behandelt: "So, jetzt nehmen wir aber ganz brav unsere Medizin ein."
  • Ein Mitarbeiter behandelt Sie recht burschikos, ein anderer brummig, eine andere geht Ihnen mit gar zu kindisch-liebevoller Art auf die Nerven.
  • Sie werden immer unselbständiger, fragen bei jeder kleinen Angelegenheit, was Sie tun sollen.

Mitarbeiter glauben in ihrer Familienrolle, dass Sie ihre Gunst oder Leistungen, auf die Sie - der Bewohner aufgrund Heimvertrag und Ihrer Rechte - einen Anspruch haben, als Belohnung oder Strafe einsetzen dürfen. Auch Gefahr der Abhängigkeitsbeziehung!

Sie stellen sich einige Fragen:

  • Kann das Heim wirklich mal mein Zuhause werden?
  • Kann das Heim wirklich mal meine Familie ersetzen?
  • Halte ich auf Dauer dieses Zusammenleben mit so vielen anderen, fremden und unterschiedlichen, zum Teil recht unsympathischen Menschen aus?

Gut, irgendwann haben Sie

  • sich eingelebt,
  • sich angepasst,
  • gelernt, auf Vieles zu verzichten
  • gelernt, mit der Perspektive zu leben, die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte in einem Heim verbringen zu müssen.

Sie

  • wissen, mit wem vom Personal Sie gut auskommen, mit welchen Betreuern Sie nicht so gut können und kennen die, die Sie nicht leiden können (und umgekehrt)
  • leiden nicht mehr am Heimmief.
  • nehmen die 3 Mahlzeiten, auf deren Zubereitung Sie so gut wie keinen Einfluss haben, mit stoischer Gleichgültigkeit (insgesamt schmeckt es ja gar nicht übel) zu sich,
  • machen das Tagesprogramm mit, das sich hier Beschäftigungstherapie nennt. Es ist Ihnen mittlerweile wurscht, dass Sie Papierblumen basteln oder mit der Laubsäge kindische Figuren aussägen und bunt bemalen.
  • nehmen es gleichmütig hin, dass Ihre Angehörigen und Freunde Sie nun noch seltener besuchen.
  • haben sich auch daran gewöhnt, dass das Personal meistens nur sehr wenig Zeit für Sie hat (außer der Grund- und Behandlungspflege usw.)

Ein Tag gleicht dem anderen.

Die Wochenenden sind anders - langweiliger, weil der Ergotherapeut nicht da ist und das Personal dünner eingesetzt ist. Nur an den Feiertagen, vor allem aber an den Tagen der offenen Tür, da geht es munter und lebhaft zu: Da taucht mal ein Würdenträger, ein Politiker auf, alle möglichen Leute wuseln durchs Haus. Alles riecht frisch gebohnert, alle Gesichter strahlen. Alle sind ja so glücklich, dass unsere behinderten Mitbürger so gut versorgt sind - und man sich vor allem nicht selbst um sie kümmern muss. Und auch Sie werden sich hüten, nicht freundlich zu lächeln.

Schnell ist wieder Alltag. Die Zeit geht dahin: Inzwischen mussten Sie in ein Doppelzimmer umziehen, weil das bisschen Vermögen, das Sie mal hatten, bei monatlichen Heimkosten von 3000 € längst aufgebraucht ist.

Stellen Sie sich den Alltag unter diesen neuen Bedingungen (DZ) vor:

  • Ihr Nachbar schnarcht nachts.
  • Er leidet unter Blähungen (d.h. er hat die Blähungen und Sie leiden darunter).
  • Der schmatzt, wenn er abends im Bett liegt und dann die Schokolade aus dem Nachtschrank geholt hat.
  • Er hat einen penetranten Schweißgeruch.
  • Sein fürchterlicher Ordnungsfimmel regt Sie auf. Dauernd ist der dabei, irgendwas zu richten, zurechtzurücken, zu entsorgen. Und er nölt dauernd an Ihnen herum, weil Sie seiner Meinung nach ein Schlamper sind.
  • Er will, dass das Fenster wenigstens gekippt ist. Ein Frischluftfanatiker! Sie vertragen keinen Luftzug.
  • Wenn Sie Besuch haben, dann hat der ständig im Zimmer was zu schaffen. Sie wissen, dass er bloß neugierig ist. Aber wohin mit dem Besuch? Gibt ja keinen Ort, wo Sie ungestört mit Ihrem Besuch reden und lachen oder weinen können.
  • Sexualität! Der hat seinen Sexualtrieb nicht an der Pforte abgegeben, und in der Nacht befriedigt er sich in seinem Bett selbst. So leise er das auch macht: die Geräusche gehen Ihnen auf die Nerven.

Und wie ist es mit Ihrer Sexualität? Wo, wann? Plötzlich ist das ein Tabu geworden. Davon will keiner was wissen. Im Heim ist eben alles anders.

Schließlich haben Sie sich auch an das Leben im DZ gewöhnt. Und eines Tages geschieht ein Wunder: Die Heimaufsicht kommt!

Am schwarzen Brett hängt ein Zettel aus. Darauf steht u.a., die Heimaufsicht möchte sich auch mit den Bewohnern unterhalten. Sie fiebern auf diesen Tag, sind neugierig, was die wohl unternehmen. Und Sie überlegen, ob Sie diese Leute mal ansprechen sollten.

Zwar kommen Sie zum Ergebnis, dass Sie es hier aushalten können. Aber es gibt so viele Dinge, die man hier verbessern müsste. Sie erleben die dann, vertraut im Gespräch mit der Heim- oder Pflegedienstleitung, durch die Flure tappen. Einer hat einen Schreibblock und einen Kuli dabei und trägt mit wichtiger, ernster Miene ein. Sie begegnen dem Tross - wie zufällig - vor Ihrem Zimmer: Und schon werden Sie angesprochen. Man stellt sich Ihnen vor, erklärt, was man macht.

Schwester Hildegard (HL) sagt:
"Hallo, das ist unser Otto. Der hat sich hier ganz gut eingelebt, ist seit einem Jahr da. Stimmt doch, gell, Otto?"
Stimmt natürlich nicht. Es sind schon fast 2 Jahre.
Und dann spricht Sie der/die von der Heimaufsicht an, fragt, wie es Ihnen gefällt.
Was werden Sie wohl antworten?
"Mir geht's gut hier. Und die bemühen sich alle so um mich."

Das bringt Ihnen nämlich ein Freudestrahlen auf Schwester Hildegards Gesicht ein. Sie benehmen sich wie ein braves Kind.

"Gell, Otto, Du lässt uns mal Euer Zimmer sehen. Ja? Danke Dir, Otto. Er teilt sein Zimmer mit Bernd. Der ist in der Arbeitstherapie - ach nein, der ist ja doch da!"

Bernd nämlich hat sich aus irgendeinem Grund ins Bett gelegt. Nun kümmert man sich um den, will ihn zum Aufstehen ermuntern (man ist im Heim ja ganz stolz auf den durchstrukturierten Tag). Was macht denn das für einen Eindruck auf die Heimaufsicht, wenn der Bernd faul im Bett liegt?
Um Sie kümmert man sich nicht mehr. Und Sie sind erleichtert. Hätten Sie sich wirklich getraut, offen zu sagen, was Ihnen hier stinkt?

(Abschließend erfolgt ein wunderbarer fachlicher Meinungsaustausch zwischen der Heimaufsicht und der Heimleitung.)

Sichtbare Änderungen?

  • die Kloschüssel wird erneuert,
  • Seifenspender werden ausgewechselt;
  • die Zimmertüren werden mit Namensschildern versehen,
  • zweiter Handlauf im Treppenhaus wird angebracht.

An der Atmosphäre hier im Haus ändert sich nichts, manche Pfleger dürfen immer noch die Bewohner anschnauzen, die Heimleiterin ist eh nie zu sprechen, der gemeinsame Stadtgang entfällt für April, weil das Personal die Osterdekoration kurz vor dem Nachschautermin anbringen musste und jetzt Überstunden abfeiern muss.

Auch nach dem Besuch der Heimaufsicht geht das Leben unverändert weiter. Es plätschert so dahin. Sie halten es hier inzwischen aus, sind irgendwie froh, versorgt zu werden. Sie werden aber vielleicht auch immer ängstlicher, nach draußen zu gehen. Sie werden vielleicht menschenscheu, haben Berührungsängste vor denen da draußen. Sie fühlen sich im Grunde nur noch dann sicher, wenn Sie vom Personal begleitet werden. Vielleicht haben Sie auch ein besonders eindrucksvolles Erlebnis in unserer Gastronomie gehabt und sind wie ein Aussätziger behandelt worden. Oder man hat Ihnen unmissverständlich klar gemacht, dass Sie dort nicht erwünscht sind.

Ist es so unverständlich, dass Sie immer stiller werden, sich zurückziehen wollen von der Welt da draußen?

Sie finden ja keinen Arbeitsplatz mehr. Sie schaffen einfach keinen Fulltimejob mehr, halten ihn nicht mehr durch. Auch in der WfB - Ihnen von Anfang an ein Gräuel - können Sie nicht arbeiten, denn Sie brauchen mehrmals am Tag besondere Hilfeleistungen, leiden evtl. unter häufigen epileptischen Anfällen. Also helfen Sie beim Tischdecken und solchen Dingen mit (das macht wenigstens Sinn) und lassen die Beschäftigungstherapie über sich ergehen. Wenigstens ist dann der Tag nicht so lang und leer.

Sie fühlen, dass Sie nicht mehr gebraucht werden. Dass Sie keinen eigenen Verantwortungsbereich mehr haben.

Wundert es da wirklich noch jemanden, wenn man sich immer weniger zutraut, kein Selbstbewusstsein mehr hat, zunehmend lustlos, antriebsarm wird und alles nur noch irgendwie geschehen lässt? Das ist ein Zustand, in dem man schnell depressiv werden kann.

Heimleben ist - und wenn sich das Personal noch so sehr bemüht, noch so engagiert ist - eine Gegenwelt.

Es gibt sie nun mal, diese sogenannten institutionsimmanenten Nachteile und Eigenarten von Heimen. Und es ist die größte Herausforderung für Heimleitung und Personal, diese Nachteile einigermaßen erträglich zu machen.

Und deshalb ist es auch für die Heimaufsicht so wichtig, hinter die Fassaden zu blicken, hineinzugucken, Atmosphäre zu schnuppern, auf den Umgangston, die Konzeption und deren Umsetzung und darauf zu achten, dass ein Heim nach gewissen fachlich anerkannten Standards arbeitet. Das ist mehr, als mit der HeimMindBauV durch die Zimmer und Fluren zu rennen und Handläufe, Waschbecken oder andere - unbestritten ebenfalls wichtige - Dinge zu zählen.

Und es ist mindestens ebenso wichtig, auch darüber nachzudenken, ob es nicht andere Betreuungsformen gibt, in denen der Mensch mit Behinderung selbständiger wohnen kann.

Heimleben ist nicht normales Leben!

Heimleben heißt, Entbehrungen zu ertragen.

Heimleben kann - trotz noch so guten und engagierten Personals - bisweilen unerträglich sein!

Würzburg, Oktober 2001

 

Claus Völker
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