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Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.


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Mein Leben mit Assistenz (als Arbeitgeber)

INFORUM: Ausgabe 3/2003 (Textauszug)

Mein Leben mit Assistenz (als Arbeitgeber)

von Rainer Jastrow

Nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 1985 gab es für mich nur die Möglichkeit, in ein Alten- und Pflegeheim zu ziehen. Für mich war das Leben in diesem Alten- und Pflegeheim nur eine Unterbringung, ich habe es niemals als mein Zuhause akzeptiert.

So verging die Zeit bis zur Einführung der Pflegeversicherung. Hier sah ich nun meine Chance, mein Leben endlich eigenständig zu organisieren. Doch mit diesem geringen Betrag war es mir unmöglich, wenigstens zwei Personen zu finanzieren. Deshalb wandte ich mich schon damals schriftlich an das Sozialamt, mit der Bitte um Hilfe und Unterstützung. Leider blieb sie mir vorenthalten.

Der Wunsch, wieder in einer eigenen Wohnung zu leben, besteht schon seit Beginn meines Heimaufenthaltes. Ich möchte mein alltägliches Leben in die eigenen Hände nehmen, selbst entscheiden, wann ich was mache, wann ich einkaufe und vor allem, was ich einkaufe; wann ich mal zum Essen in eine Gaststätte oder ins Kino/Theater gehe usw.. Eben diesen ganz normalen Alltag selbstbestimmt bewältigen und nicht Tage bzw. Wochen vorher die Leitung anbetteln mit der schon vorher kennenden Antwort im Hinterkopf „Dafür haben wir keine Zeit, kein Personal und außerdem bekommen wir dafür kein Geld von der Pflegekasse".

Nach 16 Jahren erfuhr ich durch die Medien, dass es nicht nur in den alten Bundesländern möglich ist, sein Leben mit Assistenz zu führen. Ich bemühte mich um eine Kontaktaufnahme mit verschiedenen durchführenden Organisationen und begann mit der Antragstellung beim Sozialamt. Natürlich musste ich dafür einen langen Prozess (über 2 Jahre) auf mich nehmen, da ein solches Projekt ungewöhnlich für das Sozialamt ist. Im September 2002 gewann ich diesen Prozess in erster Instanz und bewohne seit dem 01. April 2003 eine Wohnung mit vier Assistentinnen. Jedoch bin ich der Meinung, dass die Stadt Zerbst mehr behindertengerechte Wohnungen zur Verfügung stellen sollte, denn auch meine Wohnung ist nur teilweise behindertengerecht. Sie stellt mich zum Teil immer noch vor Probleme.

Natürlich gab es anfängliche Schwierigkeiten bei der Auswahl der Assistentinnen. Da ich auf diese Hilfe ganztägig angewiesen bin, muss auch eine gegenseitige Sympathie gegeben sein. Die Assistentinnen wurden mit einem Arbeitsvertrag durch mich angestellt und sind somit auch voll sozial abgesichert. Die dafür notwendigen Gelder bekomme ich vom Sozialamt.

Meine Assistentinnen arbeiten in einem 2-Schicht-System, da es so zu einer besseren Organisierung meines Tagesablaufes kommt, den ich jetzt auch selbst bestimmen kann. Durch das Leben mit Assistenz ist es mir möglich, meinen Tagesablauf individuell nach meinen Wünschen zu gestalten. Meine Bedürfnisse können durch diese Hilfe besser erfüllt werden. Ich bestimme endlich selbst, wann ich geweckt werden möchte, was ich wann essen möchte oder wann ich wo hingehen will. Viele Kleinigkeiten des Alltags werden mir dadurch möglich gemacht, die im Heim auf Grund der Anzahl der zu betreuenden Personen nicht berücksichtigt werden konnten.

Die Assistentinnen übernehmen meine gesamte Körperhygiene, sämtliche Aufgaben im Haushalt, aber auch die gesicherte Betreuung, wenn ich unterwegs bin. Die Organisation meiner Termine sowie meinen Schriftverkehr erledige ich größtenteils selbst am PC, wobei auch dabei eine helfende Hand nötig ist, z. B. um das Papier in den Drucker zu legen.

Diese Türen sind uns viel zu lang versperrt worden und ich hoffe, dass dieses Leben bald für jeden zur Normalität wird, indem ein Assistenzgesetz geschaffen wird.

Trotzdem gibt es Grund zur Kritik: Ich könnte jetzt an vielen kulturellen Veranstaltungen teilnehmen, doch dabei sind die Möglichkeiten für Behinderte stark eingeschränkt. In Kinos oder im Theater ist die Ausstattung oftmals nicht behindertengerecht. Aber auch im alltäglichen Leben in Zerbst ist es schwierig, einkaufen zu gehen oder einfach nur mal einen Kaffee zu trinken. Haben die Leute vergessen, dass es auch behinderte Menschen gibt? Ich hoffe aber, dass auch dieser Kritikpunkt bald kein Thema sein wird.

Bis zum heutigen Tag habe ich es noch keine einzige Minute bereut, diesen Weg gegangen zu sein.


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